Vernissage
Von Gesine Hindemith
Vor 400 Jahren, am 5. Februar 1626, wird Marie de Rabutin-Chantal in Paris geboren, die später als Madame de Sévigné – als Verfasserin tausender Briefe, von denen längst nicht alle erhalten sind – in die französische Literaturgeschichte eingehen soll. Interessanterweise gelten ihre ausschließlich für private Zwecke verfassten Lettres heute als kanonisches Werk, das u. a. in der Bibliothèque de la Pléiade verlegt ist.
Die Aktualität der Madame de Sévigné
Madame de Sévigné ist im Jahr 2026 sehr präsent: In ihrem ehemaligen Pariser Wohnhaus logiert das Museum für Stadtgeschichte von Paris, das Musée Carnavalet, und widmet ihr eine eigene Ausstellung (15. April bis 13. August; https://www.carnavalet.paris.fr/expositions/madame-de-sevigne). Bereits 2023 kam Madame de Sévigné als Biopic der Filmemacherin Isabelle Brocard in die Kinos, und es erschien eine neuere Forschungsarbeit von Nicolas Garroté: Poétique de Madame de Sévigné. L’invention d’une langue, Paris: PUF 2023. 2024 erhielt Geneviève Haroche-Bouzinac den Prix Goncourt in der Sparte Biographie für ihr Buch über Madame de Sévigné (Paris: Flammarion). Madame de Sévigné ist also sehr präsent, sowohl in der Populär- als auch in der Wissenschaftskultur. Aber was macht diese Frau des 17. Jahrhunderts zu einem Magneten für unsere Jetztzeit?
Historische und aktuelle Erfahrungsräume
Ihre Briefe zeugen von der Zeit vor vierhundert Jahren, vom siècle classique mit seiner höfischen Kultur unter dem Sonnenkönig Louis XIV; sie bezeugen aber auch ein anderes, städtisch-intellektuelles Leben, das sich dem absolutistischen Reglement entzieht. Sie zeigen uns überdies eine individuelle Gefühlskultur, die sich im Schreiben von Marie de Sévigné manifestiert – ein Schreiben, das zugleich literarisch und psychologisch interessant ist und in dieser Hinsicht durchaus modern wirkt. Die Leser:innen von heute lernen eine für ihre Zeit ungewöhnlich unabhängige Frau kennen, deren Welt in ihren Briefen erfahrbar wird. Dabei ermöglicht die Lektüre der Lettres nicht nur einen Blick zurück, sondern spiegelt und reflektiert den eigenen Erfahrungsraum unserer Gegenwart, indem Muster empathischer Kommunikation damals und heute beim Lesen automatisch einem Vergleich unterzogen werden.
Scheinen auf den ersten Blick die Kommunikationsbedingungen denkbar unterschiedlich – Madame de Sévigné erhält und empfängt zweimal in der Woche Post, ein Novum für diese Zeit, das mit dem Ausbau der Postwege zu tun hat –, so kommuniziert man heute größtenteils über digitale Messenger. Den Leser:innen erschließen sich aber auch gemeinsame Erfahrungswerte: die Präsenz des Anderen in Schrift trotz körperlicher Abwesenheit, die Unruhe und emotionalen Abgründe, wenn jemand nicht antwortet, Manipulationsstrategien wie emotionale Erpressung etc.
Unsere Ausstellung
Das Seminar Madame de Sévigné – une vie en lettres im Wintersemester 2025/26 drehte sich genau um die Ergründung von kommunikativen Erfahrungsräumen des Eigenen und des Historischen, die in der Lektüre der Briefe von Madame de Sévigné erfahrbar werden. Unser Projekt führte uns aber noch weiter: in die reale Lebenswelt der vor vierhundert Jahren geborenen Epistolière, die im Marais, einem historischen Viertel des Pariser Stadtkerns, einen Großteil ihres Lebens verbrachte. Was ist von Madame de Sévigné im heutigen Paris noch zu finden, dort, wo sie lebte und wo sie die Stadt, ihr Viertel und ihre Zeit mit ihrem Salon prägte?
Unsere Exposition littéraire widmet sich diesen Erfahrungsräumen – ausgehend von der realen Lebenswelt, von der Konfrontation mit den historischen Spuren in den Briefen und in den Straßen von Paris. Die Ausstellungsstücke sind schreibende Annäherungen an das gefundene Material, Reflexionen aus der Jetztzeit über die Vergangenheit. Und umgekehrt wirft sich ein Licht aus der Vergangenheit auf unsere Gegenwart.
Nous vous souhaitons beaucoup de plaisir à lire et à découvrir notre exposition!
Alle Beiträge wurden verfasst von TeilnehmerInnen des Masterseminars Madame de Sévigné – une vie en lettres im Wintersemester 2025/26. Wir danken Marie Voit für die Umsetzung auf der Homepage Romanische Literaturen.