Wer als Leser des 21. Jahrhunderts in die Correspondance von Madame de Sévigné eintaucht, sieht sich – nicht zuletzt aufgrund des zeitlichen Abstandes von 400 Jahren – mit einer Lebenswelt konfrontiert, die fremd und bisweilen schwer nachvollziehbar erscheint. Dies betrifft vor allem medizinische Behandlungsmethoden, die nach heutigem Verständnis als fragwürdig oder gefährlich einzustufen sind. Krankheit nahm im Leben Madame de Sévignés eine übergeordnete Rolle ein – sie litt jahrelang unter rheumatischen Beschwerden. Aus diesem Grund begeben wir uns mit dem vorliegenden Essay auf Spurensuche, die versucht, sich in das Leben einer Patientin des 17. Jahrhunderts hineinzudenken. Zeitgenössische Berichte – darunter auch die Correspondance der Aristokratin – zeugen von der vermeintlich heilsamen Wirkung von Orten wie Vichy und den humoralpathologischen Praktiken. Die damaligen Behandlungsformen sind mit den heutigen medizinischen Abläufen zwar nicht mehr vereinbar, jedoch sind die detailliert beschriebenen Kuren und Heilmittel repräsentativ für das frühneuzeitliche Krankheitsverständnis und deren Behandlungen.
Der Kurort Vichy steht im Zentrum ihres Krankheitsverlaufs. Woran denken Leser*innen heute beim Namen Vichy? Vielleicht zunächst an die gleichnamige französische Kosmetikmarke, die einem bei jedem Gang in die Apotheke begleitet. In der Correspondance Madame de Sévignés hingegen entfaltet sich Vichy als ein theatraler Raum: Die teils spektakulären Behandlungen erscheinen wie auf der Bühne einer Komödie inszeniert und sind zugleich in das gesellschaftliche Umfeld der höheren Stände eingebettet, die sich dort zur Kur versammeln. Vor diesem Hintergrund entwirft der vorliegende Essay einen fiktiven Arztbrief.
Universität Stuttgart
Fiktives Institut für medizinische Literatur
Campus Stadtmitte
Doktor Nahrin Aydin
1. Patientendaten
Name: Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné
Lebensdaten: 1626 – 1696
Sozialer Status: gebildeter französischer Hochadel
Quelle: Briefe – Correspondance
2. Behandlungsanlass
Der Anlass der retrospektiven Begutachtung ergibt sich aus den wiederholt auffälligen Beschreibungen von Beschwerden Madame de Sévignés, die sie vor allem ihrer Tochter Françoise schildert. Typisch für das 17. Jahrhundert sind die von ihr beschriebenen vapeurs, sogenannte Dämpfe, die im humoralpathologischen Verständnis eine Vielzahl körperlicher und seelischer Beschwerden bezeichnen, die sich nicht klar lokalisieren lassen. Der Terminus diente Medizinern der damaligen Zeit als Erklärungsmodell, um eine diagnostische Lücke zu füllen: Unerklärbare Phänomene wurden einem vermeintlichen Krankheitsbild zugeschrieben. Vor allem der Organismus von Frauen schien von diesen Dämpfen befallen zu sein, denn weibliche Emotionen wurden auf körperliche Malfunktionen zurückgeführt, anstatt psychische Ursachen zu identifizieren.
Bereits im Jahre 1674 verweist die Patientin selbst auf diese Diagnose, indem sie ihr Leiden als „des vapeurs“ (Freidel, S. 178) beschreibt. Zwei Jahre später berichtet sie ihrer Tochter von Schmerzen und übermäßigem Schwitzen – „encore un peu de douleur, et beaucoup d’enflure“ (Sévigné, Correspondance – 2, S. 29). Es kommt zudem auch die Steifheit ihrer rechten Körperhälfte – „un torticolis […]. Je ne puis remuer le côté droit“ (ebd. S. 25) – hinzu. Es sei vorweggenommen, dass zahlreiche Beschwerden der Patientin nach heutigem medizinischem Verständnis als Symptome der Menopause verstanden werden können.
3. Anamnese
Die Patientin ist früh verwitwet und hat zwei Kinder – ihre Tochter Françoise und ihren Sohn Charles de Sévigné. Zu ihrer Tochter pflegt sie eine enge Beziehung, die sie jedoch zugleich mit großer Sorge erfüllt, da Françoise selbst krank ist: „[M]a très-chère et très-aimable, vous avez été malade! [V]ous avez été saignée deux fois!“ (ebd. S. 349). Zudem äußert die Patientin wiederholt Unmut über verspätet eintreffende Briefe („Je dois encore recevoir quelques-unes de vos lettres de Paris“ (ebd. S. 103), sowie über die häufigen Reisen ihrer gesundheitlich beeinträchtigten Tochter. Es zeigt sich ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihrer Tochter, das auch über deren Eheschließung und räumliche Trennung hinaus fortbesteht. Aus heutiger Sicht ließe sich sagen, dass die Patientin eine kontrollierende Beziehung zu ihrer Tochter hat – vielleicht sogar eine, die man als potenziell dysfunktional und toxisch bezeichnen würde.
Über die Beziehung zu ihrem Sohn lässt sich weniger sagen. Es ist aber festzuhalten, dass er vor allem während ihrer Krankheit eine maßgebliche Rolle spielt: Als die rheumatischen Beschwerden der Patientin zunehmen und sie ihren alltäglichen Tätigkeiten, wie dem Schreiben, nicht mehr nachgehen kann, fungiert Charles neben einer Dienerin – „la petite personne“ – als Sekretär seiner Mutter. Charles selbst verfasst kurze Passagen, die nicht nur ein zweites erzählerisches Niveau in der Korrespondenz erzeugen, sondern auch als parodistisch angehauchte pseudo-medizinische Aussagen gelesen werden können. So äußert er etwa, dass Ungeduld keine negativen Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf seiner Mutter haben werde: „l’impatience ne fasse point de mauvais effet“ (ebd. S. 33). Diese besserwisserisch wirkenden Aussagen stehen in Bezug zur humoralpathologischen Denkweise der Zeit und greifen deren erklärende Logik auf.
Bei der Humoralpathologie handelt es sich um die 4-Säfte-Lehre, basierend auf Hippokrates und Galen, die Krankheit als ein Ungleichgewicht (dykrasie) von Blut, gelber Galle, schwarzer Galle und Schleim versteht. Gängige Behandlungsformen waren der Aderlass, Abführmittel, Waschungen und strenge Diäten. Diese Behandlungen basieren auf dem principe des contraires, nach dem beispielsweise Kaltes erwärmt und Trockenes befeuchtet wird (Eckhart, S. 27f.). Obwohl die medizinische Dämonologie ebenfalls als Ursache vieler Leiden – wie etwa der vapeurs – galt, markierte das 17. Jahrhundert auch einen Wendepunkt im Bereich der Medizin: Die Rationalisierung und Quantifizierung des Körpers rückten in den Mittelpunkt. Der menschliche Körper wurde als System verstanden, das es zu entschlüsseln galt. Dies lässt sich unter dem Begriff Körperdiskurs (le discours du corps) zusammenfassen. Auch die Schmerzen der Patienten wurden nach Dauer, Häufigkeit und Intensität bemessen. Die Correspondance der Madame de Sévigné verdeutlicht, dass der kranke Körper als Objekt ständiger Beobachtung verstanden wurde.
4. Klinische Beobachtung
Es lassen sich keine konkreten Beschreibungen finden, die auf einen Verfall des äußeren Erscheinungsbildes der Patienten hinweisen. Es ist anzunehmen, dass sie auf ein gepflegtes und gesundes Aussehen achtet, da Madame de Sévigné viele Freundschaften unterhält und auch vermehrt Gesellschaft in Salons sucht. Diese Kontaktfreudigkeit findet sich auch in ihrer Korrespondenz. Vor allem mit ihrer Tochter Françoise erfolgt ein regelmäßiger, detaillierter und auch emotionaler Austausch („Je vous embrasse, ma chère enfant, de tout mon cœur“ (Sévigné, Correspondance – 2, S. 33).
Es ist hervorzuheben, dass in den Jahren ihrer Krankheit die Patientin ihr Leiden in ein literarisches Spiel verwandelt: Wie bereits angemerkt, nutzt sie ihren Sohn Charles und eine Dienerin als Schreiberlinge. Obwohl sie in der Bretagne isoliert ist und insbesondere unter der Trennung von ihrer in der Provence lebenden Tochter leidet, ermöglicht ihr die Krankheit, ihre Kinder physisch und psychisch um sich zu scharen. Auf diese Weise initiiert sie eine Art „Gruppentherapie“, da nicht nur die Patientin selbst ihre Symptomatik reflektiert, sondern auch ihre Kinder in den Diskurs miteinbezogen werden. Charles übernimmt die pseudo-medizinische Beobachterrolle und äußert gegenüber seiner Schwester seine Frustration. Er steigert sich dabei in die Rolle eines pseudo-medizinischen Kommentators und schreibt seiner Schwester: „[J]e suis en colère quand je songe que nous aurions pu éviter cette maladie avec ce remède“ (ebd. S. 37).
Trotz der beschriebenen Beschwerden bleibt der Schreibstil der Patientin lebhaft und leicht, sodass die Krankheit offenbar ihren Humor nicht beeinträchtigt. Stilistisch hervorzuheben ist zudem, dass viele ihrer Briefe von einem hohen Maß an Hyperbeln und Selbstironie geprägt sind, etwa wenn sie schreibt, sie werde „servie et traitée comme la Reine“ (ebd. S. 33). Aus den Briefen an ihre Tochter lässt sich ferner erkennen, dass die melancholische Grundhaltung der Patientin möglicherweise zu einer Verstärkung ihrer subjektiv erlebten Beschwerden beiträgt – „pour moi, elle [sa santé] me donne de l’ennui“ (ebd. S. 42).
5. Krankheitsverlauf
In den Briefen der Patientin lassen sich rezidivierende Beschwerden über einen langen Zeitraum finden: Ihre vapeurs sowie diffuse, nicht eindeutig zu kategorisierende organische Beschwerden und ihre Gelenkschmerzen zählen zu den zentralen Leiden der Patientin. So beschreibt sie selbst: „j’ai les bras, les mains, les jarrets, les pieds gros et enflés“ (ebd. S. 33), ebenso wie ein ausgeprägtes Schwitzen – „la sueur s’est tellement mise sur les parties qui sont enflées“ (ebd., S. 28f.). Nach Angaben der Patientin hängt die Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes mit ihrer Langweile – ihrer „ennui“ (ebd. S. 56f.) – zusammen. Ihre Gleichung lautet wie folgt: Eine ländliche Umgebung bedeutet Einsamkeit und dies ist gleichzusetzen mit einer Favorisierung der vapeurs. Ihre Krankheit regelt den Rhythmus ihrer Tage, denn ihre physische und psychische Symptomatik beeinträchtigt zwangsläufig ihre sozialen Aktivitäten. Es liegt eine zweifache Isolation vor: einerseits durch eine räumliche Isoliertheit, da die Patientin zu Beginn ihrer Erkrankung kaum ihr Zimmer verlässt und sich zunächst ausschließlich darin bewegt: „Je commence à me promener par ma chambre“ (ebd. S. 32). Anderseits besteht eine emotionale Isolation durch den eingeschränkten Kontakt zur Außenwelt, insbesondere zu ihrer Tochter.
Eine gravierende Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes erfolgt erstmals im Januar 1676, da sie unter einer Torticollis, dem sogenannten Steifhals, leidet. Die Symptomatik persistiert für ungefähr fünfzehn Tage, ehe sich eine erste Besserung der Schmerzen abzeichnet. Sie berichtet bereits Ende des Monats von ihrer Heilung: „[C]’est que je suis guérie, que je n’ai plus ni fièvre ni douleurs“ (ebd. S. 32) Kurze Zeit später erhält die Patientin die Diagnose Rheuma, die ihre Hände, Füße und Knie betrifft. Sie leidet in diesen Körperregionen unter starken, anhaltenden Schmerzen. Ihre Hände schwellen zeitweise so stark an, dass es ihr nicht mehr möglich ist, einen Stift zu halten. Aus diesem Grund fungieren ihr Sohn und eine Dienerin als ihre Sekretäre. Sie teilt den beiden ihre spontanen Gedanken mit und bemüht sich, ihr Leiden gegenüber ihrer kranken Tochter möglichst zu relativieren, um diese nicht zu beunruhigen. Aussagen wie „Ne soyez en nulle peine de moi“ (ebd. S. 33) unterstreichen diese Intention.
Ihr Sohn hingegen betont die Schwere der Erkrankung seiner Mutter. Es zeigt sich eine wechselnde Familiendynamik: Die Patientin vertraut sich ihren Kindern an, während Charles ihr als Ersatzmediziner beisteht und seiner Schwester regelmäßig Bericht erstattet. Dementsprechend läuft die Kommunikation zwischen Mutter und Tochter über einen Zeitraum von mehreren Wochen über den Sohn. Ihre Briefe deuten außerdem auf eine Hypersensibilität ihres eigenen Körpers hin, welche durch ihre geographische Einsamkeit in der Bretagne verschärft wurde, da sie mit einem außerordentlichen Maß an Präzision ihre Leiden beschreibt. Im weiteren Verlauf dieses Arztbriefes wird dieses Verhalten in Zusammenhang mit der Persönlichkeit der Patientin gesetzt und aus moderner medizinischer Sicht erklärt.
6. Therapie
Die therapeutischen Maßnahmen erfolgten auf Anraten des behandelnden Arztes, Monsieur de Villebrune. Er war nicht nur für die körperliche medizinische Versorgung der Patientin zuständig, sondern auch für ihr seelisches Wohlbefinden, da sie ihn als von Gott gesandt verstand („Dieu m’a envoyé M. de Villebrune“ (ebd. S. 56)). Seine Methoden folgen der Praxis der damaligen Zeit: Für ihre geschwollenen Hände empfiehlt er zu schwitzen („il m’a conseillé de […] suer“ (ebd. S. 56). Für ihr allgemeines Unwohlsein rät er ihr, ihre Reisen zu verschieben, bis das Äquinoktium vorbeigezogen ist. Aus heutiger Sicht scheinen seine Methoden alternativmedizinscher und abergläubischer Medizin zu entstammen, jedoch war es im 17. Jahrhundert gängige Praxis, auf astrologisch-medizinische und alternative Heilmittel zu setzen.
Ergänzend zu den erwähnten Methoden erhielt die Patientin zahlreiche Arzneimittel, deren Effektivität nach modernen medizinischen Maßstäben als fragwürdig einzuordnen ist. Es lassen sich drei zentrale pharmakologische Kategorien ihrer Heilmittel unterscheiden: tierische, pflanzliche und mineralische Mittel. Die Patientin nimmt neben dem „poudre de M. de Lorme“ (ebd. S. 37) auch einfache Hilfsmittel wie Umschläge für Gelenke und Waschungen ihrer Gliedmaßen („Je fais des lavages à mes mains“ (ebd. S. 55)) in Anspruch. Sie tauscht sich mit Freunden über Heilpflanzen, medizinische Präparate und behandelnde Ärzte aus, was charakteristisch für die Austauschpraxis der Salon-Kultur der damaligen Zeit ist.
Auf Anraten ihres Arztes begibt sich die Patientin in den Kurort Vichy, wo ihre rheumatischen Beschwerden nach den Leitprinzipien der humoralpathologischen Praxis gelindert werden sollen. Insgesamt unterzog sich Madame de Sévigné zwei Aufenthalten in den eaux de Vichy: Der erste Kuraufenthalt erfolgte von Mai bis Juni 1676, der zweite folgte ein Jahr später von August bis Oktober. Die eaux de Vichy genossen einen hervorragenden Ruf als therapeutisches Heilbad. Dem Thermalwasser wurde eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben. Es wurde deshalb insbesondere zur Linderung rheumatischer Erkrankungen eingesetzt. Die Therapie der Patientin hatte als Ziel, die Körpersäfte durch Abführmittel, Schwitzkuren, Bäder und Spaziergänge in Einklang zu bringen. Auch nimmt sie immer wieder Trinkwasser verschiedenster Art zu sich, mit der Hoffnung, ihre Schmerzen zu lindern.
Den ersten Aufenthalt in Vichy unternimmt die Patientin aufgrund leichter Schmerzen und anhaltender Erschöpfung infolge ihres Rheumas. Es handelt sich um eine Präventivkur, um weiteren Schüben entgegenzuwirken. Es werden ihr Spaziergänge an der frischen Luft wie auch medizinische douches und Heilwasser („demain je commerncerai à boire“ (ebd. S. 97)) verordnet, von denen die Patientin auf eine lockere und ironische Art berichtet. Zudem äußert sie in ihren Briefen auch Spott über die behandelnden Ärzte und kommentiert das Verhalten ihrer Mitpatienten – „Mme de La Fayette; elle ne se porte pas bien“ (ebd. S.102). Sie präsentiert Vichy wie ein théâtre mondain, wobei sie hauptsächlich soziale Interaktionen und zwischenmenschliche Beziehungen in ihrer Korrespondenz dokumentiert.
Die famose douche wird von der Patientin als ein inszeniertes Ereignis geschildert, das über seine medizinische Wirkung hinausgeht: Am 28. Mai 1677 beschreibt sie in einem Brief an ihre Tochter diese Praxis metaphorisch als eine „bonne répétition du purgatoire“ (ebd. S. 105). Das teuflische Ritual vollzieht sie nackt, nur durch ein Feigenblatt in einem „petit lieu sous terre“ (ebd. S. 105) bedeckt. Ein siedend heißer Wasserstrahl wird dann auf die betroffenen Gliedmaßen gelenkt. Nach der Tortur legt sie sich in ein warmes Bett, um weiter zu schwitzen und somit zu regenerieren. Mit der Bemerkung „[i]l faut souffrir et l’on souffre tout“ (ebd. S. 105) charakterisiert die Patientin die medizinische Praxis des 17. Jahrhunderts, die Schmerzen als unerlässlich für die Heilung versteht. Der leidende Körper wird zum Spektakel für die Öffentlichkeit – die Patientin möchte neben ihrem behandelnden Arzt auch ihre „deux femmes de chambre“ (ebd. S. 105) bei ihrer Dusche dabeihaben – und Stoff für ihre Narration. Die Patientin legt beispielhaft für die damalige Zeit ihr Schicksal in die Hände der Ärzte, deren Methoden aus heutiger Sicht skurril erscheinen und empirisch nicht belegt sind.
Der zweite Aufenthalt, der ein Jahr später folgt, ist aus medizinischer Sicht deutlich ernster, da die Patientin die Kur aufgrund starker Beinschmerzen antritt. Dementsprechend ist ihre Correspondance im Jahre 1677 von einem dunkleren, nervöseren und besorgten Ton geprägt: Ausdrücke wie „mon cœur est triste“ (ebd. S. 355) treten dabei häufiger auf als während ihres ersten Aufenthalts. Sie gliedert sich jedoch erneut sehr gut in die Gesellschaft des Kurortes ein und berichtet von einem Gruppengefühl, das durch gemeinsame Spaziergänge und Abende verstärkt wird. Die Patientin pflegt herausragende zwischenmenschliche Beziehungen an diesem Ort und bezeichnet ihre Gesellschaft als „une jolie société“ (ebd. S. 350). Dies steht exemplarisch für den Kurort Vichy als Konvergenzort der Eliten, in welchem der thermalisme sowohl als medizinische Praktik als auch als soziale Darstellungsform genutzt wird.
7. Moderne medizinische Beurteilung
Eine eindeutige, singuläre Enddiagnose ist retrospektiv nicht möglich. Es ist jedoch anzumerken, dass die Symptomatik der Patientin in der Bretagne psychosomatisch bedingt deutlich schlechter wird. Obwohl Madame de Sévigné regelmäßig durch Briefe mit ihrer Tochter kommuniziert, empfindet sie diesen Austausch als unzureichend, was zu vermehrtem Klagen und einem größeren Wunsch nach Nähe führt. Mediziner des 17. Jahrhunderts interpretieren dies möglicherweise als Folge einer Melancholie, jedoch ist aus heutiger Sicht von einer multikausalen Genese auszugehen. Physische und psychische Faktoren sowie menopausale Veränderungen verschärfen ihr Krankheitsbild. Claude Lamboley hebt insbesondere die Bedeutung der Menopause im Fall der Patientin hervor, da sie bereits vor der Diagnose ihres Rheumas ein bestimmtes Pulver „pour les manifestations de sa ménopause“ (S. 327) eingenommen hatte. Die verordneten Therapien sind aus moderner Sicht größtenteils unsinnig, vor allem jene, die auf der Dämonologie und Astrologie basieren. Heutzutage ordnet man diese der Kategorie Aberglaube zu.
Aus moderner Perspektive zeigen die Kuraufenthalte in Vichy nur geringe Erfolge. Obwohl der Kurort im 17. Jahrhundert als Vorreiter humoralpathologischer Praktiken galt, bleibt das rheumatische Leiden der Patientin bestehen. Es ist hervorzuheben, dass sowohl in der Bretagne als auch in Vichy Madame de Sévignés Zustand von einer Diskrepanz ihrer körperlichen Fragilität und lebhaften Geistes geprägt ist: Obwohl sie physisch leidet und ihr Körper gegen sie arbeitet, scheint ihr literarisches Schaffen zu florieren. Die Patientin weist dadurch ein hohes Maß an Resilienz auf – eine Fähigkeit, die in der modernen Psychologie die Fähigkeit bezeichnet, Krisen und Stress zu überwinden. Dies gelingt Madame de Sévigné durch ihre Korrespondenz.
8. Zusammenfassung
Der körperliche Zustand der Patientin zeigt eine wechselhafte Symptomatik mit Phasen von Verbesserung und Verschlechterung. Während die Patientin Hoffnungen in den Kurort Vichy setzt, lassen sich die physiologischen Wirkungen der Maßnahmen als gering einschätzen. Nichtsdestotrotz ist auf die große Wichtigkeit Vichys für ihr psychisches Wohlbefinden hinzuweisen. Die Patientin erschafft sich während ihrer Kuren ein soziales Netz, das aus zahlreichen Aristokraten wie M. de Saint-Hérem, M. de La Fayette und Mme de Brissac besteht (vgl. ebd. S. 97). Der vorliegende Fall zeigt die Grenzen der humoralpathologischen Praxis auf und verweist simultan auf den extraordinären und aktiven Geist Madame de Sévignés. Durch die kontinuierliche Schreibpraxis scheint sie Stabilität in dieser schweren Phase ihres Lebens zu finden und schafft sich dadurch ein stabiles, soziales Netz. Ihre Krankheit wird zum Stoff ihrer Korrespondenz und zeigt, dass ihre Krankheit trotz anfänglicher Isolation zu einer kollektiven Erfahrung für sie, ihre Familie, ihre Freunde und sogar für die Nachwelt wird.
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Bildquellen
Bild 1:
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Bild 3:
https://www.bretagne-vitre.com/les-pepites/le-chateau-de-mme-de-sevigne/ (Zuletzt abgerufen: 16.02.2026)
Bild 4:
https://www.geneanet.org/cartes-postales/view/28739#0 (Zuletzt abgerufen 10.02.2026)