„Alle Wege sollen nach Paris führen“: Die Dramaturgie der Briefe Madame de Sévignés

Von Aysegül Ceylan

In dem Zeitraum von März bis Mai 1676 beginnt Madame de Sévigné mit den Vorbereitungen für den Sommer: Aus einer Mischung von extremer mütterlicher Zärtlichkeit und einem geschwächten Gesundheitszustand wünscht sie sich die Gesellschaft ihrer Tochter in Paris. Allerdings formt sich dabei ein Interessenkonflikt. Ein solcher Besuch liegt nicht im Interesse der Tochter Madame de Grignan.i Folglich nutzt Madame de Sévigné ihren Gesundheitszustand, übt emotionalen Druck aus und mobilisiert verschiedene Personen, um ihre Tochter umzustimmen.

Es ist bereits bekannt, dass Sévignés Briefe mehr sind als ein Informationsaustausch. In der Forschung kursiert deshalb die Frage: „Welche Art von Literatur ist das?“.ii Während über die Antwort kontrovers diskutiert werden kann, lassen sich zumindest Teile einzelner Briefe in Bezug auf die Gattung des Dramas betrachten. Robert N. Nicolich stellt beispielsweise dar, dass Madame de Sévigné häufig Vokabular aus der Theaterbranche nutzt.iii Darüber hinaus vergleicht Roger Duchêne einige Briefe von Sévigné mit den Charakteristika eines Salon-Theaterstücks.iv Somit lassen sich Sévignés Briefe als literarische Texte lesen, die mit gezielt eingesetzter Rhetorik und Methodik arbeiten.

Im Folgenden zeige ich, dass die Brieffolge des Frühjahrs 1676 innerhalb eines dramaturgischen Rahmens betrachtet werden kann. Anhand ausgewählter Passagen stelle ich die Frage, mit welchen Inszenierungstechniken emotionaler Druck erzeugt wird. Konventionen und Eigenheiten der historischen Korrespondenzsituation werden aus einer Konfrontation mit der heutigen Kommunikationstechniken verstehbar: die Briefe von Madame de Sévigné erscheinen literarisch-medial transferiert in Messenger-Applikationen. Durch den aktuellen Transfer ergibt sich eine rückwärts aufschließende Verstehenspraxis der vor knapp 400 Jahren geschriebenen Briefe Madame de Sévignés.

Chatbild 1
Madame de Sévignés Nachrichten an Madame de Grignan Teil 1

Akt 1: "Ich bin ja so krank."

Zunächst intensiviert Madame de Sévigné die Darstellung ihrer körperlichen Schwäche als Grundlage für ihre Inszenierung: „Voilà comme…“ heißt es sukzessive in einem Absatz, in welchem sie den Rheumatismus an ihren Händen auf die Ankündigung ihres baldigen Todes hin steigert. In einer solchen Gesundheitslage beklagt sie bitter und vorwurfsvoll die Abwesenheit ihrer Tochter.i In einem anderen Brief beschreibt sie Kniebeschwerden, die danach wieder in Vergessenheit geraten.ii Denn anders als die Knie bietet ihr der Rheumatismus an den Händen bessere Möglichkeiten, um ihre Tochter nach Paris zu locken: Ihre Schreibfertigkeit nimmt dadurch ab, die Kommunikation wird schwieriger, und sie muss sich beim Schreiben unterstützen lassen.

Madame de Sévignés Nachrichten an Madame de Grignan Teil 2

Akt 2: „Dann schreibt eben jemand anderes“

Somit beginnt der nächste Akt der Inszenierung. Die sogenannte „petite personne“ tritt auf und durchbricht die intime Kommunikation zwischen Madame de Sévigné und Madame de Grignan.

Diese ,kleine Person‘ übernimmt nicht nur das Schreiben für Sévigné, sie erfüllt auch die Rolle einer Ersatztochter. Sie kümmert sich um die erkrankte Madame, leistet ihr Gesellschaft und zeigt emotionale Verbundenheit. Sie stellt sich als die Unterstützerin in der Not heraus.i Die Lobpreisung der „petite personne“ scheint darauf abzuzielen, Eifersucht und Schuldgefühle bei Madame de Grignan auszulösen.


Im selben Brief kommt es zudem zu einem auffälligen Einsatz der Pronomen
nous-vous, wenn Madame de Sévigné das Wetter in Paris dem Wetter in der Bretagne gegenüberstellt.ii Nun umfasst die Kommunikation innerhalb des Briefes insgesamt drei Personen. Ergo stellen die Pronomen nicht nur die höfliche Anredeform der Epoche dar, vielmehr setzt sie Madame de Sévigné gezielt ein. Das nous umfasst hier Madame de Sévigné und die „petite personne“, die sich zusammen in Paris befinden und eine emotionale Beziehung aufgebaut haben. Das vous andererseits kennzeichnet neben der räumlichen Distanz das emotionale Auseinandergeraten von Mutter und Tochter.

Zudem ist zu beachten, dass sich die „petite personne“ im Kindesalter befindet. Demnach kann Madame de Grignan die Beziehung zwischen Sévigné und der „petite personne“ sehr wohl als eine Mutter-Tochter ähnliche Beziehung auffassen. Somit provoziert Madame de Sévigné Eifersucht durch die kleine Sekretärin. Schließlich steigt diese nach der Erfüllung ihrer Funktion von der Bühne herab.

Madame de Sévignés Nachrichten an Madame de Grignan, Teil 3

Akt 3: „Der Bruder tritt auf - Gruppenchat“

Der nächste Akt beginnt: Nun tritt Charles de Sévigné auf die Bühne. Er schaltet sich in doppelter Funktion in die Briefe ein, zum einen indem er aufschreibt, was seine Mutter ihm für die Schwester diktiert und zum anderen als rahmender Kommentator der Botschaften. Charles befürwortet beispielsweise diesen Plan von Madame de Sévigné: Mutter und Tochter sollen drei Wochen gemeinsam in Bourbon verbringen und danach zusammen nach Paris zurückkehren. Befürworten stellt hier allerdings ein Diminutiv dar, denn im genauen Wortlaut ordnet er seiner Schwester den Besuch an. Zudem müsse sie die Mutter nicht innerhalb von wenigen Tagen verlassen.i Auch diese Bühnenfigur als Dritter übt Druck auf Madame de Grignan aus – Mutter und Sohn in Koalition.

Auch innerhalb dieses Briefes zeigt sich eine interessante Nutzung der Pronomen. Charles de Sévigné spricht sukzessive über seine Mutter, anstelle von unsere Mutter.ii Madame de Grignan erscheint wieder als die ausgeschlossene Partei. Paradoxerweise wird sie einerseits von ihrer Mutter und ihrem Bruder kritisiert und ausgeschlossen, andererseits ist ihre Präsenz und Aufmerksamkeit höchst erwünscht. In diese widersprüchliche Position schriftlich fixiert, erfährt Madame de Grignan den emotionalen Druck. Eine einzige Lösung wird forciert: Die räumliche sowie emotionale Distanz kann nur überwunden werden, wenn Madame de Grignan ihrer Mutter den Besuch abstattet.

In der Brieffolge von März bis Mai 1676 bezieht sich Madame de Sévigné ebenfalls auf andere Personen, deren Aussagen entweder direkt oder indirekt wiedergegeben werden. Grundsätzlich entspricht dies einer natürlichen Kommunikationssituation. Eine einfache Bitte wie „Kannst du Person X schreiben, dass sie Wasser mitbringen soll?“, dürfte beispielsweise dem heutigen Leser sehr bekannt klingen. Im Krankheitsfall von Sévigné scheint das Heranziehen einer Sekretärin ebenfalls natürlich. Allerdings bedrängen die herangezogenen Personen Madame de Grignan direkt oder indirekt im Interesse von Madame de Sévigné. Im Umkehrschluss setzt sie diese Stimmen gezielt ein und hat zumindest Einfluss auf das, was sie Madame de Grignan schreiben.

Schriftbilder – Wer schreibt hier eigentlich wirklich?

In den Originalversionen der Briefe sollte der Personenwechsel anhand von unterschiedlichen

Schriftbildern sichtbar werden. Darauf deutet Madame de Sévigné auch hin, als sie der „petite personne“ folgendes diktiert: „elle écrit comme vous voyez“i.

Für den heutigen Leser ist der Zugriff auf die noch übrigen Originalversionen der Briefe jedoch selten möglich. Der Allgemeinheit sind lediglich vereinzelte Briefe bzw. Ausschnitte zugänglich, die im Internet publiziert wurden. Der Großteil der Briefe ist in gedruckten Editionen überliefert. Innerhalb der gedruckten Versionen wird der Personenwechsel lediglich durch die einleitenden Phrasen wie „DE LA PETITE PERSONNE, EN SON NOM“ii und „DE CHARLES DE SÉVIGNÉ“iii gekennzeichnet. Dies kann bei dem heutigen Leser Zweifel am Geschriebenen und am Verfassenden auslösen.

 

Hinzu kommt, dass in der frühen Neuzeit der Siegelverschluss die Authentizität des Verfassers markierte. Auf einem im Musée Carnavalet ausgestellten Brief ist keine handschriftliche Signatur von Madame de Sévigné zu erkennen.iv Die Authentizität erscheint so nicht garantiert und wie könnte die Authentizität der restlichen Verfasser, die im selben Briefe schreiben, gewährleistet sein? Schreiben hier wirklich Charles de Sévigné und die „petite personne“?

Im Falle von Charles de Sévigné lässt sich eine positive Antwort auf die Frage vermuten, denn es handelt sich um den Bruder von Madame de Grignan. Dessen Schriftbild sollte ihr bekannt sein. In seinen Passagen figurieren allerdings wiederholt die Aussagen seiner Mutter, er übt ebenfalls Druck aus, und aus den Aussagen beider Personen lässt sich ein Subtext aus Pronomen ableiten. Ergo schreibt er wahrscheinlich selbst, lässt sich jedoch inhaltlich von Madame de Sévigné beeinflussen.

Im Falle der petite personne“ handelt es sich jedoch um eine der Tochter unbekannte Person.

Madame de Grignan kennt weder ihr Schriftbild, geschweige denn ihren eigentlichen Namen. Diese solchermaßen anonym gehaltene Person bietet viel Raum für Inszenierung und Manipulation. Briefe verschaffen einer vermeintlichen Verfasser-Authentizität Spielraum, den Madame de Sévigné vor allem mithilfe ihrer literarischen Expertise gut zu füllen scheint.

Der Vergleich von handschriftlichen Fonts und der einheitlichen Computerschrift zeigt, dass Messenger-Nachrichten ebenfalls Lücken für Authentizität bilden. Die Computerschrift kann schließlich nicht auf Einzelpersonen zurückgeführt werden. Und selbst wenn die Kommunikation zwischen Madame de Sévigné, Madame de Grignan und den Drittpersonen innerhalb eines Gruppenchats stattfinden würde, könnte die Nachricht eines Gruppenmitglieds durch eine andere Person verfasst worden sein.

 

Die Wirkung von individuellen Handschriften und einheitlicher Computerschrift

Auf einen Blick

Lücken der Authentizität bieten Sévigné im Umkehrschluss Raum für Inszenierung. Mithilfe einer gezielten Wortwahl und den ausgewählten Personen auf der Bühne der Kommunikation wandelt sie dabei die gegebenen Konditionen geschickt um, sodass sie ihrem Ziel dienen.

Der Transfer von Sévignés Brieffolge in einen Messenger-Polylog macht greifbar, wie neutralisierte Authentizität einen Raum für Inszenierung bieten. Die Messenger-Abbildungen zeigen außerdem, dass Sévignés Briefe die Qualität von Spam-Nachrichten annehmen können, die man einfach nur löschen möchte. Sie veranschaulichen den permanenten Druck, dem Madame de Grignan ausgesetzt war.

Zusammenfassend lässt sich die untersuchte Brieffolge im übertragenen Sinne als ein dramatisches Stück lesen: Die Personen treten auf die Bühne, übermitteln die gewünschte Botschaft direkt oder indirekt und verschwinden, sobald sie ihre Funktion erfüllt haben. Madame de Sévigné übernimmt dabei zwei Rollen: Sie inszeniert sich selbst und fungiert zugleich als Regisseurin. Schließlich liegt es auch in ihrem Ermessen, ob die geschriebenen Briefe tatsächlich abgeschickt, verworfen oder erneut verfasst werden.

Offen bleibt hier noch das Ergebnis dieser Inszenierung, das heißt der letzte Akt: Was passierte schließlich im Sommer 1676? Stattete Madame de Grignan ihrer Mutter den lang ersehnten Besuch ab?

Szenarium zum dramaturgischen Rahmen

Bibliographie

Gérard, Mireille: „Les médecins dans la correspondance de Madame de Sévigné. Document ou littérature?“, in: Marseille, 3e série, Nr. 95 (octobre–décembre 1973), S. 93.

Horowitz, Louise K.: „The Correspondence of Madame de Sévigné: Letters or Belles-Lettres?“, in: French Forum 6/1 (1981), S. 13–27.

Larousse: „Lambel“, in: Dictionnaire de français Larousse. URL: https://www.larousse.fr/dictionnaires/francais/lambel/46016. (Zuletzt aufgerufen am: 10.03.2026).

Musée Carnavalet – Histoire de Paris: Letter from Madame de Sévigné to Madame de Grignan. URL: https://www.carnavalet.paris.fr/en/collections/letter-madame-de-sevigne-madame-degrignan-her-daughter. (Zuletzt aufgerufen am: 09.03.2026).

Nicolich, Robert N.: „Life as Theatre in the Letters of Madame de Sévigné“, in: Romance Notes 16/2 (1975), S. 376–382.

 

Pilastre, Édouard: Petit glossaire des lettres de Madame de Sévigné. Fontainebleau: Maurice

Bourges 1908. Digitalisat: Project Gutenberg, URL: https://www.gutenberg.org/ebooks/36455 (Zuletzt aufgerufen am: 10.03.2026).

 

Sévigné, Marie de Rabutin-Chantal: Correspondance - I: Mars 1646 – Juillet 1675. Éd. Roger Duchêne. Paris: Gallimard, Bibliothèque de la Pléiade 1973.

Sévigné, Marie de Rabutin-Chantal de: Lettres. Texte établi et annoté par Gérard-Gailly. Bd. 2: 1676–1684. Paris: Gallimard, Bibliothèque de la Pléiade 1960.

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