„Ne mesurez donc point notre amitié sur l’écriture“ (La Fayette an Sévigné, 30.06.1673)
Wer heute durch Paris geht, begegnet Madame de Sévigné auf Schritt und Tritt. Ihr Name findet sich an Straßen, Museen, Denkmälern und Schokoladenläden. Dagegen bleibt Madame de La Fayette im Stadtbild weitgehend unsichtbar, obwohl sie La Princesse de Clèves als einen der bedeutendsten Romane des 17. Jahrhunderts verfasst hat.
Diese paradoxe Konstellation verweist auf ein grundlegendes Problem der Erinnerungskultur: Sichtbar bleibt nicht unbedingt literarische Bedeutung, sondern das, was sich kulturell leichter repräsentieren lässt. Während sich Sévignés Briefe eine dauerhafte Präsenz im kulturellen Gedächtnis sichern, bleibt die Freundschaft zwischen ihr und La Fayette trotz ihrer historischen Dichte weitgehend unsichtbar. Genau hier setzt Jean-Noël Liaut in seiner vor kurzem erschienen Doppelbiografie Une amitié si française an, in der er diese Beziehung als „quarante-trois an d’une amitié intense“ beschreibt und ihre Bedeutung für den französischen Geist hervorhebt. Der folgende Essay nimmt diese Beobachtung zum Ausgangpunkt und fragt, wie diese Freundschaft im 17. Jahrhundert funktionierte und warum sie heute zugleich zentral und unsichtbar ist.
Die Freundschaft zwischen Madame de Sévigné (1626-1696) und Madame de La Fayette (1634–1693) ist eine der intensivsten literarischen Frauenfreundschaften des französischen 17. Jahrhunderts, aber auch wesentlich eine Freundschaft, die sich im konkreten Alltag vollzieht: in Briefen, services, gesundheitlichen Klagen und familiären Angelegenheiten. Diese erstreckt sich von ihrer ersten Begegnung um ca. 1650 bis zum Tod La Fayettes im Jahre 1693 und zeigt, wie sehr die Freundschaft den Geist des Grand Siècles spiegelt.
An Orten wie dem Musée Carnavalet, dem Place des Vosges, dem bekannten Marais-Viertel sowie Straßenschildern wird deutlich, dass insbesondere Sévigné allgegenwärtig ist und La Fayette deutlich weniger präsentiert ist. Daher lassen sich kaum Spuren dieser Freundschaft im Pariser Raum finden – eine Beobachtung, die die Ausgangsfrage dieses Essays weiter schärft.
Freundschaft im 17. Jahrhundert: amitié als soziales Geflecht
Amitié ist im 17. Jahrhundert kein klar definierter, rein emotionaler Begriff. Zeitgenössische Lexika und Philosophen fassen den Begriff als breites Spektrum von Beziehungen, das von inniger Zuneigung bis zu nützlichen Verbindungen reicht. Bertrand Landry bezieht sich hierbei auf Nicolas Schapira, welcher betont, dass Freundschaft in der Frühen Neuzeit eng mit dem Austausch von Diensten verknüpft ist. Man schuldet einander Gefälligkeiten und Unterstützung, darin zeigt sich eine stabile Freundschaft. Für Frauen wie für Madame de Sévigné und Madame de La Fayette, die in einer patriarchalen, höfisch geprägten Gesellschaft lebten, war Freundschaft eine Gefühlsbindung, aber auch eine Überlebensstrategie in der damaligen Zeit. Landry erwähnt in diesem Zusammenhang die Historikerin Anne Vincent-Buffault, welche weibliche Freundschaft als Praxis beschreibt, die nicht nur „ausgeübt“ werden muss, sondern auch verändernd ist. Sie trägt dazu bei sowohl das eigene Selbst auch als ein entre-soi von Frauen zu formen. Jean-Noël Liaut betont die Komplementarität ihrer Charaktere als Grundlage einer „confiance absolue“, die den Geist französischer Soziabilität prägte. Auf der einen Seite die heitere und expansive Madame de Sévigné und auf der anderen Seite die eher melancholische und zurückhaltende Madame de La Fayette. Somit lässt sich die Beziehung zwischen den beiden Frauen als enge, wechselseitige unterstützende Freundschaft verstehen, die emotionale Unterstützung mit sehr konkreten sozialen Funktionen verbindet.
Soziale und familiäre Rahmung der Freundschaft
Biographisch und familiär sind die beiden Autorinnen eng verschränkt. Die Mutter La Fayettes, Isabelle Peña, heiratete in zweiter Ehe einen Onkel von Sévigné, sodass zwischen den Familien nicht nur gesellschaftliche, sondern auch Verwandtschaftsbindungen bestehen. Beide Frauen bewegen sich in denselben Pariser Kreisen, kennen die Höfe in Frankreich und Savoyen und verkehren mit zentralen Figuren wie La Rochefoucauld (Landry; La Fayettes Briefe an Sévigné). Beide werden von Liaut als „fécondant l’esprit français“ beschrieben. Das heißt, als Gastgeberinnen und Autorinnen ziehen sie die brillantesten Köpfe des Jahrhunderts an, wie beispielsweise Boileau, La Rochefoucauld, Racine, Molière, La Fontaine oder Bossuet, und verkörpern eine Form weiblicher Soziabilität, in der Gespräch, Beobachtung und literarische Gestaltung ineinandergreifen. Des Weiteren ist Madame de La Fayette darüber hinaus politisch vernetzt, denn durch ihre Kontakte hat sie Zugang zu Königshof und Ministerien und verfügt damit über „crédit“, die Fähigkeit für andere Gunstbeweise des Königs oder seiner Vertreter zu erwirken. Dieses politische Kapital ist jedoch nicht uneingeschränkt stabil: Vor dem Hintergrund der Fronde, in der ihr Umfeld zeitweise dem königsfeindlichen Lager zugerechnet wurde, bleibt ihre Position am Hof ambivalent und potenziell angreifbar. Gerade deshalb gewinnt ihr Einfluss innerhalb persönlicher Beziehungen besonderes Gewicht. Zudem zeigt Landry, wie Sévigné dieses politische Kapital ihrer Freundin gezielt für die Karriere ihres Schwiegersohns, des Comte de Grignan, und später für ihren Sohn Charles nutzt. Freundschaft erscheint damit nicht nur als persönliche Bindung, sondern auch als eine Ressource, deren Wirksamkeit stets von den politischen Rahmenbedingungen abhängt.
Briefe als Medium von Freundschaft und Mutterschaft
Die Briefe aus dieser Zeit sind die heute noch sichtbarsten Medium der Freundschaft. Vor allem in den Briefen von La Fayette an Sévigné begegnen die Leser*innen einer Stimme, die höfische Nachrichten, familiäre Angelegenheiten, Gesundheitsfragen und feine Beobachtungen des gesellschaftlichen Lebens mischt. La Fayettes Brief vom 30. Dezember 1672 zeigt, dass die freundschaftliche Kommunikation damals eine verlässliche Logistik und eine Vertrauensperson für sensible Post benötigte, um zur Informationsdrehscheibe zwischen Paris, der Provence und den ausländischen Höfen zu werden. La Fayette bittet Sévigné, einen heiklen Brief in die Provence weiterzuleiten und zugleich zu prüfen, ob eine englische Aristokratin einen Botschafterbrief erhalten hat: „je vous supplie donc […] de l’envoyer par quelqu’un de confiance, et d’écrire un mot à Mme de Northumberland, afin qu’elle vous fasse réponse, et qu’elle vous mande qu’elle l’a reçu; vous m’enverrez sa réponse.“ (Madame de LaFayette: Œuvres complètes, S. 974) Somit wird gleichzeitig Madame de La Fayette als Mittlerin in einem europäischen Kommunikationsnetz dargestellt.
Zugleich ist zu berücksichtigen, dass diese Einsichten wesentlich durch die Überlieferung der Briefe geprägt sind: Formen der mündlichen Begegnung und des direkten Austauschs sind nur über die Erwähnung in den Briefen verfügbar.
Madame de La Fayette als amie puissante
In den Briefen an Madame de Sévigné wird die pragmatische Dimension der Freundschaft in Situationen politischer oder finanzieller Bedrohung deutlich. Ein Beispiel hierfür ist der Konflikt um den Gouverneursposten des Sévigné-Schwiegersohnes Comte de Grignan in der Provence, bei dem der Bischof von Marseille versucht, den Grafen beim König zu diskreditieren. In Landrys Artikel wird aufgezeigt, wie La Fayette in dem bereits oben erwähnten Brief vom 30. Dezember 1672 signalisiert, dass sie auf Bitten ihrer Freundin ihr Netzwerk einsetzt, um die Position der Grignans zu schützen. Hinter ihren höflich formulierten Bemerkungen steht eine intensive Lobbyarbeit in königsnahen Kreisen, die sie „für ihre Freundin und für die Mutter“ leistet. Ein weiteres Beispiel ist die finanzielle Unterstützung für Sévignés Sohn Charles während des Holländischen Krieges. Als dieser dringend Geld für die Ausrüstung seines Regiments brauchte, griff Madame de La Fayette ein und machte ihrer Freundin deutlich, dass sich ihre mütterliche Zuneigung nicht nur auf ihre Tochter richten dürfe. Die Form der Ansprache wie „ma belle“ oder „ma très-chère“ rahmt eine strenge moralische Forderung, die sich auf die Pflicht, beide Kinder gleichermaßen zu unterstützen, bezieht. Hier wird die Freundschaft zur Instanz, die blinde Flecken im mütterlichen Selbstbild benennt und Fehlverhalten korrigiert (Landry; La Fayettes Briefe an Sévigné). Somit kann Madame de La Fayette durchaus als eine „amie puissante“ beschrieben werden.
„Ne mesurez donc point notre amitié sur l’écriture“
In ihrem Brief vom 30. Juni 1673 formuliert La Fayette eine Art Theorie der Freundschaft unter Bedingungen eines überfüllten höfischen Alltags. Sie beschreibt detailliert ihre Tage in Paris, die aus den Besuchen von Bayard, La Rochefoucauld und Gourville sowie den Bauarbeiten vor ihren Fenstern, ihren Kopfschmerzen, den Kräutertränken, den gesellschaftlichen Verpflichtungen und der wiederholenden Frage „écrirai-je?“ bestehen. Damit zeigt sie, wie sie am Ende eines jeden Tages weder Zeit noch die mentale Kraft für lange Briefe and die Freundin besitzt. Das Schlüsselzitat in diesem Brief lautet: „Ne mesurez donc point notre amitié sur l’écriture; je vous aimerai autant en ne vous écrivant qu’une page en un mois, que vous en m’en écrivait dix en huit jours.“ (Madame de La Fayette: Œuvres complètes, S. 980)
Hier wird deutlich gemacht, dass La Fayette den Wert der Freundschaft nicht davon abhängig macht, wie häufig man sich Briefe schreibt. Vielmehr relativiert sie implizite Erwartungen der höfischen Briefkultur, in der Regelmäßigkeit und Reziprozität als sichtbare Zeichen von Zuneigung gelten konnten. Liaut hebt in diesem Zusammenhang die besondere Qualität dieser Freundschaft hervor, die auf einem stabilen Vertrauen (confiance absolue) beruht. In diesem Sinne widersetzt sie sich einem unausgesprochenen Erwartungsdruck, insbesondere dem der höfischen Briefkultur, in der Gegenseitigkeit und Häufigkeit des Schreibens als Beweise von Zuneigung galten. Diese Position bedeutet jedoch keine Abkehr von affektiver Bindung, sondern zeigt vielmehr, wie emotionale Nähe und praktische Einschränkungen im Alltag miteinander ausgehandelt werden. Ein Vergleich mit heutigen Kommunikationsformen verdeutlicht die Aktualität dieses Zusammenhangs: In der Messenger-Kommunikation, etwa über WhatsApp, iMessage, Instagram, Snapchat oder auch TikTok, wird emotionale Nähe häufig über die Frequenz des Nachrichtenaustauschs vermittelt. Funktionen wie Lesebestätigungen und die Erwartungen permanenter Erreichbarkeit erzeugen dabei einen erhöhten sozialen Druck, zeitnah auf Nachrichten antworten bzw. reagieren zu müssen. Dadurch können ausbleibende Antworten leicht als Mangel an Aufmerksamkeit oder Zuneigung interpretiert werden.
Mit Bezug auf den Ton des Briefes ist zu erkennen, dass er von Zärtlichkeit geprägt ist. Die Anreden wie „ma belle“ oder „ma très-chère“, das Bekenntnis, Paris „töte“ sie, sowie die Erinnerung an den Tod von Henriette-Anne von England zeichnen das Bild einer Freundin, die zwischen Trauer, Erschöpfung und vielfältigen Loyalitäten steht und dennoch darum bemüht ist, die Beziehung zu Sévigné aufrechtzuerhalten. In diesem Spannungsfeld von Überlastungen und Zuneigung, Verpflichtungen und Selbstschutz wird Frauenfreundschaft greifbar. Sie ist nicht verklärt, sondern verletzlich, aushandelbar und von Missverständnissen wie auch Erwartungshaltungen geprägt.
Die „unsichtbare“ Freundin im heutigen Paris
Im Rahmen der Pariser Exkursion wurden Orte wie das Musée Carnavalet, der Place des Vosges, das Marais-Viertel sowie der Jardin du Luxembourg besucht, um die Lebensräume von Madame de Sévigné und Madame de La Fayette nachvollzuziehen. Dabei zeigte sich eine deutliche Asymmetrie in ihrer heutigen städtischen Präsenz: Während Sévigné im Pariser Stadtraum vielfach sichtbar ist, bleibt La Fayette weitgehend unsichtbar.
Straßennamen wie der Rue Lafayette im 10. Arrondissement, Bushaltestationen und der berühmten Galeries Lafayette, wurden nicht nach ihr benannt, sondern nach dem Marquis de La Fayette, einem Helden des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Ihr Name kann heutzutage nur in Buchhandlungen gefunden werden, trotz ihres hohen sozialen Ranges im 17. Jahrhundert. Ihr Roman von 1678 gilt als erster psychologischer Roman, während Sévignés Briefe erst posthum kanonisiert wurden. Madame de Sévigné ist dagegen allgegenwärtig. Ihr wird im Musée Carnavalet ein eigener Saal gewidmet, ein Hotel im 16. Arrondissement ist nach ihr benannt und auch die Rue de Sévigné erinnert an ihr Leben im Marais. Diese Diskrepanz im heutigen Stadtbild hat somit Konsequenzen für das Bild ihrer Freundschaft. Wo Sévigné als Pariserin, Mutter und Briefkünstlerin gefeiert wird, reduziert sich La Fayette auf ihren Roman und wird fast schon vergessen. Die gemeinsame Geschichte der beiden Frauen findet keinen Raum im heutigen Paris. Die unterschiedliche Sichtbarkeit lässt sich mit dem von Nathalie Grande beschriebenen Konzept der „patrimonialisation comparée“ fassen, also dem Konzept, dass bestimmte historische Figuren stärker erinnert und kulturell angeeignet werden als andere. Im Fall Sévignés begünstigen ihre enge Verbindung zu Paris sowie die emotionale Zugänglichkeit ihrer Briefe eine stärkere Verankerung im kollektiven Gedächtnis, während La Fayette trotz ihres literarischen Ranges weniger präsent bleibt.
Die Exkursion macht damit weniger ein „Defizit“ sichtbar als vielmehr eine Differenz in der Art und Weise, wie historische Figuren erinnert werden. Gerade diese Beobachtung bildet den Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung: Weil die Freundschaft zwischen beiden Frauen im heutigen Stadtbild kaum greifbar ist, wird sie hier bewusst über ihre Briefe und die historische Forschung rekonstruiert. Diese Rekonstruktion folgt keinem Anspruch auf Vollständigkeit, sondern dem Erkenntnisinteresse, wie die Freundschaft im 17. Jahrhundert konkret gelebt wurde. In den Briefen wird sichtbar, wie sich diese Beziehung im Alltag vollzieht: im Austausch von Nachrichten, wie man sie heute von WhatsApp-Nachrichten kennt, in services, in Kritik und Unterstützung. Dies ist ebenfalls in gegenwärtigen Freundschaften zu beobachten: Hilfe bei Problemen, Hinweis auf Fehlverhalten, kurze Lifeupdates.
Die Unsichtbarkeit im Stadtraum steht somit nicht im Widerspruch zu ihrer historischen Bedeutung, sondern verweist auf die Bedingungen ihrer Überlieferung. Die Freundschaft wird nicht monumental erinnert, sondern entfaltet sich in den Texten selbst.
Konkret gelesen: Mme de Sévigné und Mme de La Fayette im Briefwechsel
Für einen Blick in diese Frauenfreundschaft wurden zwei Briefe gewählt, die im Folgenden kontrastierend kommentiert werden. Einerseits Mme de Sévignés Brief vom 13. März 1671 an ihre Tochter Madame de Grignan, der aufzeigt, dass Madame de La Fayette eine Art mütterliches Bindeglied darstellt und andererseits La Fayettes Brief vom 30. Juni 1673 an Madame de Sévigné, der eine reflektierte Theorie der Freundschaft formuliert. Beide entstanden unter den Bedingungen räumlicher Distanz zwischen der Provence und Paris und offenbaren eine Dreieckskonstellation zwischen Madame de Sévigné, Madame de La Fayette und Madame de Grignan.
In ihrem Brief vom 13. März 1671, der wenige Monate nach Grignans Abreise in die Provence geschrieben wurde, listet Madame de Sévigné den Ablauf ihrer Pariser Tage auf, der in der Passage über Madame de La Fayette als emotionaler Höhepunkt kulminiert:
Mme de la Fayette y étoit pour la première fois de sa vie, elle étoit transportée d’admiration. Elle est ravie de votre souvenir et vous embrasse de tout son cœur. Je lui ai donné une belle copie de votre portrait; il pare sa chambre, où vous n’êtes jamais oubliée. (Mme de Sévigné: Correspondance I, S. 223f.)
Hier konstruiert Sévigné eine Dreiecksbeziehung, in der sie selbst als Vermittlerin („Je lui ai donné“) und Madame de La Fayette als Bewahrerin („il pare sa chambre“) gilt, während Grignan zur Figur dauerhafter, unvergessener Präsenz wird („où vous n’êtes jamais oubliée“). Das Verb „pare“ erhebt das Porträt zu einem ikonengleichen Objekt mit symbolischem Prestige und die Formel „de tout son cœur“ reproduziert die für Sévigné typische mütterliche Überbietungsrhetorik. Auf diese Weise wird Freundschaft funktionalisiert. Sie dient dazu, Mutterschaft über räumliche Distanz hinweg fortzusetzen, wobei La Fayettes Salon zum symbolischen Ersatzraum wird, der die Abwesenheit der Tochter kompensiert.
In ihrem Brief vom 30. Juni 1673 reagiert La Fayette auf Sévignés Schreibvorwürfe inmitten höfischer Überlastung und formuliert eine Freundschaftstheorie. Sie unterläuft jene Dynamik, die Madame de Sévigné zuvor etabliert hatte. Auf die spöttischen Schreibvorwürfe („crier comme un aigle“) antwortet sie mit einem eher theatralischen Tagesprotokoll, in dem sie, wie bereits erwähnt wurde, von den Besuchen anderer Autoren, ihren gesundheitlichen Beschwerden und den Bauarbeiten berichtet. Zudem wirkt die wiederholte Frage „écrirai-je?“ wie eine ironische Selbstbefragung, in der sie den impliziten Schreibzwang als soziale Absurdität entlarvt. Diese rhetorische Steigerung mündet in die berühmte Schlüsselpassage ihres Briefes:
Ne mesurez donc point notre amitié sur l’écriture; je vous aimerai autant, en ne vous écrivant qu’une page en un mois, que vous en m’en écrivant dix en huit jours […] Paris me tue. (Madame de La Fayette: Œuvres complètes, S. 980)
Das Futur „je vous aimerai“ markiert emotionale Beständigkeit jenseits situativer Unterbrechungen. Dies zeigt, dass Liebe als innerer Zustand behauptet wird und nicht als etwas, das messbar ist. Des Weiteren parodiert die präzise Quantifizierung „une page […] dix jours“ die höfische Briefkultur. Für La Fayette gilt, dass Freundschaft nicht nach Seitenzahlen berechnet werden soll. Außerdem balancieren Anreden wie „ma belle“ oder „ma très-chère“ Kritik und Nähe. Zugleich offenbart „Paris me tue“ die Realität weiblicher Überlastungen durch „services“, gesellschaftlicher Verpflichtungen und körperlicher Erschöpfung.
Dieser Kontrast zwischen den Briefen ist aufschlussreich, denn Sévigné funktionalisiert Freundschaft als eine Art Verlängerung ihrer Mutterschaft, während La Fayette Freundschaft als eigenständiges Verhältnis emanzipiert, das nicht im Dienst mütterlicher Selbstvergewisserung steht und nicht an materielle Zeichen gebunden ist.
Bibliographie
Grande, Nathalie: „Deux figures matrimoine: patrimonialisation comparée de deux autrices du XVIIe siècle, Mme de Sévigné et Mme de Lafayette“, in: Recherches & Travaux 96 (2020). URL: doi.org/10.4000/recherchestravaux.1966.
La Fayette, Marie-Madeleine Pioche de la Vergne, comtesse de: „Lettres de Madame de La Fayette à Madame de Sévigné“, in: Œuvres complètes de Mesdames de La Fayette, de Tencin et de Fontaines, Bd. 2. Paris: Lepetit 1820, S. 497-520.
Landry, Bertrand: „Services, sociabilité et maternité: les amies de Madame de Sévigné“, in: Cahiers XII/2 (2009), S. 43-59.
Liaut, Jean-Noël: Une amitié si française: Madame de Sévigné, Madame de La Fayette. Paris: Allary Éditions 2026.
Sévigné, Marie de Rabutin-Chantal, marquise de: Lettres de Madame de Sévigné, de sa famille et de ses amis. Éd. L. Monmerqué. Bd. 2. Paris: Hachette 1862, S. 103-109.
Madame de Sévigné: Lettres. Éd. Gérard Gailly. Bd. I 1953, Bd. II 1960, Bd. III 1963. Paris: Gallimard, Bibliothèque de la Pléiade.
Madame de LaFayette: Œuvres complètes. Éd. Camille Esmein-Sarrazin. Paris: Gallimard, Bibliothèque de la Pléiade 2014.