Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné, spielte nicht als Romanautorin, jedoch als Briefschreiberin eine zentrale Rolle in der entstehenden Romankultur des 17. Jahrhunderts. In ihrer Correspondance inszeniert Madame de Sévigné ihre eigene Lesefreude und reflektiert selbst über Lektüren im Sinne des romanesque.
Als romanesque wird eine Schreibweise bezeichnet, die die Erfahrungswirklichkeit in eine spannungsreiche, auf Figurenpsychologie und narrative Verkettung zugespitzte Fikition überführt und dadurch den Stoff in die Form des Romans – oder gleichwohl ins Romanhafte transformiert.
Doch inwiefern entfaltet Madame de Sévigné in ihren Briefen, die im eigentlichen Sinne eine Kommunikationsform des Alltags sind, eine Poetik des romanesque sans roman und welche Rolle spielen dabei Ereignisse des höfischen und städtischen Alltags? Lassen sich im heutigen Marais, dem Ort, an dem Madame de Sévigné den Großteil ihrer Briefe schrieb, Spuren dieses vie en mode romanesque finden, die sich im historischen, touristischen, aber auch mittlerweile queeren Stadtraum transformiert und fortgeschrieben haben?
Der barocke Roman genoss im 17. Jahrhundert lediglich einen statut à peine littéraire, er galt im Kreise der Gelehrten als minderwertig, obgleich er in der mondänen Gesellschaft, vor allem bei Frauen und jungen Leuten als äußerst populär geschätzt wurde, da es sich um leichte Lektüren, eingebettet zwischen Gesellschaftsspiel, Unterhaltung und Literatur handelte (vgl. Dûchene). In den Salons – nennenswert ist besonders das Hôtel de Rambouillet, wo sich ein Kreis diskussionsfreudiger Adliger um Madame de La Fayette und den Literaten François de La Rochefoucauld einfand – stand der zeitgenössische Roman sowie die Psychologie der Leidenschaft in Literatur und Alltagsleben im Zentrum der Gespräche. Auch die Frage, was im Sinne des ästhetischen Ideals der vraisemblance als wahrscheinlich zu gelten hatte, stellte ein beliebtes Streitobjekt der Salonkultur dar.
Es ist eine Zeit enormer künstlerischer Kreativität und zugleich eine Zeit, in der das Bedürfnis nach Normierung in Form von Regeln, Nutzen und Moral aufkommt. Dieses Paradox entfaltet sich in der Diskussion um den Roman als Genre, der in den Salons zum Gegenstand gesellig-kritischer Kommunikation wird. Moralische Debatten werden angestoßen durch die jansenistische Kritik und die Renaudot-Konferenzen und sehen im barocken Roman einerseits die Gefahr der Verführung und andererseits den Nutzen der Darstellung von exemplarischen Handlungen. Insbesondere wurde an der Unwahrscheinlichkeit, hervorgerufen durch die folies de l’imagination sowie der prodigieuse longuer der Romane, Kritik geübt (vgl. Duchêne). Bei den Leser*innen kamen die Romane allerdings sehr gut an. Dies vor allem aufgrund der justice distributive – der moralischen Funktion, Laster zu tadeln und Tugend zu belohnen –, die beim Publikum anziehend wirkte. Diese Begeisterung teilte auch Madame de Sévigné:
„La beauté des sentiments, la violence des passion, la grandeur des événements et le succès miraculeux de leurs redoutables épées, tout cela m’entraîne comme une petite fille; j’entre dans leurs dessins.“ (Correspondance I, p. 141)
In ihren Briefen dokumentiert die Marquise genau diese ambivalente Mischung aus Lust und schlechtem Gewissen: Sie liest die Romane en cachette, da sie sich für ihre folie bezüglich der littérature honteuse schämt. Zugleich fühlt sie sich dadurch aber auch wieder comme une petite fille.
Roman - Romanesque
Monika Kulesza betont in ihrem Artikel „Madame de Sévigné et les théories du roman“ das äußerst breite Lektürespektrum Madame de Sévignés, das von Petrarca und Tasso über Boileau, Pascal und La Fontaine bis hin zu moralistischen und theologischen Texten, Fabeln, Memoiren und Theaterstücken reichte (vgl. Duchêne; Kulesza). Diese Romane las Madame de Sévigné nicht nur einmal, sondern in den 1670er Jahren erneut, ungeachtet dessen, dass ihr Umfeld – darunter auch ihre Tochter Madame de Grignan – dieser Lektüre eher skeptisch gegenüberstand. Fern von Paris war Madame de Sévigné besonders im Jahr 1671 häufig müde und hatte viel Zeit, barocke Riesenromane wie Cléopâtre von Gautier de Costes de La Calprenède zu lesen; zugleich schrieb sie in dieser Zeit lange Briefe, die sie selbst mit den grands romans baroques verglich (vgl. Charles). Zu ihren weiteren Lieblingsromanen zählten insbesondere heroische Romane wie Cassandre und Pharamond von La Calprenède sowie Artamène ou le Grand Cyrus und Clélie von Madeleine de Scudéry sowie der Hirtenroman L’Astrée von Honoré d’Urfé (vgl. Kulesza). Madame de Sévigné galt als typische Romanleserin ihres Milieus: Als moderne weibliche Aristokratin – und damit als Teil der Hauptzielgruppe der Romane – war sie zudem fest in literarische Netzwerke eingebunden. Im Sinne eines commerce littéraire pflegte sie regen Kontakt zu ihrer Freundin und Vertrauten Madame de La Fayette, aber auch zu männlichen Freunden und bekannten Geistern wie ihrem Cousin Roger de Bussy-Rabutin sowie zu Gilles Ménage, François de La Rochefoucauld und Nicolas Boileau. Wie bereits angeklungen, interessierte sich die Marquise de Sévigné weniger für den Stil der Romane als vielmehr für deren Charaktere und „belles âmes“ sowie für ideale Gefühle und diskrete Abenteuerszenen. Die Suche nach dem romanesque nicht nur in Büchern, sondern auch im Leben selbst ließ sie an einer mondänen Erzählkultur teilhaben, in der Geschichten nicht nur mündlich, sondern auch brieflich zirkulierten, um eine Welt neben der Realität zu schaffen.
Die Frage nach dem Terminus des romanesque und seiner Rezeption im 17. Jahrhundert kann aus zwei Perspektiven betrachtet werden: einerseits handelt es sich um den Status des (barocken) Romans als Gattung, andererseits um eine bestimmte vision du monde, einen Wahrnehmungsmodus und eine Qualität des Erzählens und Erlebens, die sich nicht nur auf das Lesen von Romanen beschränkt, sondern auch andere Gattungen wie Theater, Briefe und Memoiren durchdringt (vgl. Duchêne).
„Le romanesque n’est pas la fuite hors du réel, mais une manière de le vivre et de le percevoir plus intensément“ (Duchêne, p. 586). Duchêne beschreibt das Romanhafte nicht als bloße Flucht aus der Realität, sondern als eine Art, sie intensiver zu leben und wahrzunehmen.
Die Definition von Roger Duchêne, welcher sich in seinem Beitrag über die Signification du romanesque insbesondere mit der Correspondance von Madame de Sévigné beschäftigt, verstärkt die Rezeption des Begriffs als attitude d’esprit und als vision du monde, welche alltägliche Ereignisse in mitreißende Erfahrungen modifiziert und dabei die tiefe Verbindung von imagination, émotion und existence enthüllt (vgl. Duchêne). Jedes Ereignis kann demnach ein potenzielles sujet de roman darstellen. Der Roman und dessen Lektüre durch den Rezipienten bietet eine Möglichkeit, um die Realität durch eine vorteilhafte Darstellung der Tatsachen zu vergessen und vergessen zu machen. Die Einstellung traduire la vie sur le mode romanesque soll dabei helfen, intensiver zu leben, wobei das romanesque und das erlebte Ereignis in einem doppelten Verhältnis zueinanderstehen: das Ereignis erinnert an bereits geschriebene Romane und gleichzeitig liefert das Erlebte den Stoff für einen noch zu schreibenden Roman (vgl. Charles; Duchêne).
Das romanesque bildet somit nicht nur ein Gattungslabel, sondern einen spezifischen Lebensmodus ab, der besonders für Madame de Sévigné eine zentrale Rolle in ihrer Correspondance und ihrem gesamten Leben spielte. Duchêne beschreibt die Vorliebe der Marquise, die Realität in Fiktion zu übertragen und den Roman zu erkennen, der sich in oder hinter der Realität verbirgt. Créer l’illusion bedeutet bei Madame de Sévigné, sich imaginäre Geschichten zu erzählen und dadurch ein anderes Leben zu konstruieren. Sie verknüpft Alltag, Klatsch, Politik und Liebesgeschichten mit literarischen Mustern und verleiht der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als temporale Dimensionen stets eine mögliche Erzählbarkeit (vgl. Duchêne). Das romanesque kann durch seine bestimmte Wahrnehmung der Realität als ästhetisches Modell ebenfalls im Zusammenhang von Rinaldo Nicolichs La vie en tant que théâtre als eine Theatralisierung des Lebens eingeordnet werden (vgl. Duchêne).
Wie schon bei Madame de Sévigné werden auch heute im 21. Jahrhundert noch die Abenteuer des Alltags in romaneske Miniaturen verwandelt, indem das scheinbar Normale und Alltägliche erzählbar gemacht wird. Während unserer Exkursion konnte ich feststellen, dass das romanesque des Marais heute eben weniger in einem einheitlichen Mythos als in der Überlagerung solcher Blickwinkel besteht. Bei einem Spaziergang wirkte der Stadtteil – die Fassaden, Geschäfte und Restaurants sowie deren Geschichten – auf mich wie ein Palimpsest – hier metaphorisch verstanden als ein vielschichtiges Gefüge früherer Bedeutungen, die von neueren Gegebenheiten überlagert und dadurch bewahrt werden – von Lebensgeschichten, in dem sich höfische Vergangenheit, literarische Erinnerung und gegenwärtige Identitäts- und Kunstpraktiken in immer neuen, oft auch widersprüchlichen Lektüren des Ortes kreuzen und neu verbinden. Der Besuch des Musée de Carnavalet zeigte mir, dass eben dieses als Palimpsest fungiert: die ehemaligen Wohnräume der Marquise dienen heute als eine museal inszenierte Gegenwart und überlagen die materielle Umgebung ihres 17. Jahrhunderts, ohne sie vergessen. Das Musée de Carnavalet, welches zugleich als Museum von der Stadtgeschichte des Ancien Régime bis ins 21. Jahrhundert erzählt, bettet die Briefe von Madame de Sévigné in einen größeren historischen Kontext ein, der das damalige und heutige Paris miteinander verknüpft. Die Briefe der Marquise als lettres parisiennes werden als historische Spur bewahrt und entfalten sich in den zeitgenössischen Narrativen der Stadt und der Erinnerungen. Doch inwiefern entfaltet Madame de Sévigné in ihren Briefen eine epistolare Poetik, in welcher das Reale nach dem Modell des Romans transformiert und dramatisiert wird?
Ein romanesker Brief aus der Feder Sévignés
Innerhalb der Correspondance stellt der Brief vom 15. Dezember 1670 eines der bekanntesten Beispiele dafür dar, wie Madame de Sévigné Ereignisse des Hofes im Sinne einer traduction romanesque in kleine Prosastücke von literarischer Qualität umwandelt. Adressat des Briefs ist Philippe-Emmanuel de Coulanges, ein Onkel, Vormund und mondäner Freund der Marquise, welchem sie von den spektakulären und schließlich brutal abgebrochenen Heiratsplänen zwischen Monsieur de Lauzun und Anne Marie Louise d’Orléans, Herzogin von Montpensier, allgemein bekannt als La Grande Mademoiselle, im Herbst und Winter 1670 schreibt. Während der Brief des 15. Dezembers 1670 die geplante Heirat ankündigt, berichtet der darauffolgende Brief vom 19. Dezember, ebenfalls an Coulanges adressiert, von dem königlich erzwungenen Bruch. Die Kommunikationssituation lässt sich als hochinformierte, witzige Hofkorrespondenz im Kontext des französischen Hochadels beschreiben und enthält eine breite Vielfalt an stratégies romanesques.
Der Beginn des Briefs bildet durch die kombinierte Verwendung der Anaphern la plus und Antithesen wie la plus grande, la plus petite ein sprachliches Feuerwerk, welches den Inhalt zunächst vorenthält und dabei der imagination Freiräume verschafft, indem sich die Lesenden emotional von der Beschreibung mitreißen lassen und dabei eine eigene Wahrnehmungshaltung entwickeln:
„Je m’en vais vous mander la chose la plus étonnante, la plus surprenante, la plus merveilleuse, la plus miraculeuse, la plus triomphante, la plus étourdissante, la plus inouïe, la plus singulière, la plus extraordinaire, la plus incroyable, la plus imprévue, la plus grande, la plus petite, la plus rare, la plus commune, la plus éclatante, la plus secrète jusqu’aujourd’hui, la plus brillante, la plus digne d’envie …“ (Correspondance II, p. 139).
Dieses jouer longuement avec les mots geht mit der romanesken Struktur einher, um eine autre vie imaginaire zu konstruieren. Als eine Art Erwartungsroman baut die lange Verzögerung bis zur Nennung des Namens eine Illusion auf, die die Lesenden für einige Zeilen in der Schwebe halten und erzeugt das Gefühl, mitten in einem Abenteuerroman mitzurätseln, um herauszufinden was diese chose sein könnte:
„Je ne puis me résoudre à la dire. Devinez-la; je vous la donne en trois. Jetez-vous votre langue aux chiens. Ah ! Bien, il faut donc vous la dire […]“ (Correspondance II, p. 140).
Ein weiteres Sprachspiel im Verständnis der stratégies romanesques entfaltet sich in einem dialogisierten Ratespiel um die erneute Frage nach der richtigen Mademoiselle:
„Mme de Coulanges dit: Voilà qui est bien difficile à deviner; c’est Mlle de La Vallière? – Point du tout, Madame, – C’est donc Mlle de Retz? – Point du tout, vous êtes bien provinciale. – Vraiment nous sommes bien bêtes, dites- vous, c’est Mlle Colbert? – Encore moins. – C’est assurément Mlle de Créqui? – Vous n’y êtes pas (…)“ (Correspondance II, p. 140).
Hierbei scheint es, als würden die realen Personen in Figuren einer kleinen Komödie verwandelt werden, sodass derselbe Stoff in doppelter Weise erscheint: als politische Realität am Hof und als sprachlich inszenierte Szene.
Das reale Ereignis, welcher als Gegenstand des Briefs fungiert, wird zunächst enthüllt:
„M. de Lauzun épouse dimanache au Louvre, devinez qui? … il épouse Mademoiselle … Mademoiselle la Grande Mademoiselle, fille de feu Monsieur; Mademoiselle, petite-fille de Henri IV …“ (Correspondance II, p. 140).
Die Heirat des Monsieurs de Lauzun wird im Fortsetzungsbrief vom 19. Dezember 1670 von Madame de Sévigné kurzerhand als sujet de roman ou de tragédie kommentiert:
„Voilà un beau songe, voilà un beau sujet de roman ou de tragédie, mais surtout un beau sujet de raisonner et de parler éternellement“ (Correspondance II, p. 141).
Im Verständnis eines va-et-vient entre vie et roman als typische stratégie romanesque der Marquise wird die tatsächliche Wirklichkeit in Kategorie eines Romans gedeutet.
Die Briefpassage spiegelt ebenfalls die Verwendung von Spitznamen oder codes mondains wider, da Anne- Marie- Louise d’Orléans lediglich von Madame de Sévigné als Mademoiselle benannt wird. Dies schafft einen romanesken Effekt von Geschlossenheit und Offenheit, denn, wer die höfische Welt kennt, erkennt die Figur ebenfalls direkt.
Die abstrakte Nachricht, dass Lauzun Mademoiselle heiraten soll, modifiziert die Marquise de Sévigné comme goût de transposer le réel als sorgfältig komponierte Erzählung, die sich aus einer exposition, einem retardement und einer pointe zusammensetzt. Die lange Kette an Hyperbeln im Sinne einer Ankündigung dient als exposition um Spannung aufzubauen: „Je m’en vais vous mander la chose la plus (…)“, gefolgt von dem retardement „Je ne puis me résoudre à la dire. Devinez- la; je vous le donne en trois.“ (Correspondance II, p. 140). Die überraschende Auflösung mittels der Aufzählung aller Titel Mademoiselles stellt schließlich die pointe dar. Die habitude de raconter der Marquise wird in diesem Abschnitt deutlich: jedes reale Ereignis kann unmittelbar in eine erzählbare, romanhafte Form gebracht werden.
Ferner dient der Brief Coulanges ebenfalls dazu, das Modell mondäner Schreibkunst der Marquise selbst zu übernehmen und somit zu lernen, romanhaft zu erzählen: „Voilà un beau sujet de raisonner et de parler éternellement. C’est ce que nous faisons jour et nuit, soir et matin, sans cesse; nous espérons que vous en ferez autant.“ (Correspondance II, p. 141)
Die réception et écriture romanesque soll demnach auch Coulanges dazu dienen, in einer pointierten Weise zu sprechen und zu erzählen sowie die Welt nach dieser Auffassung wahrzunehmen. Schließlich entschärft Madame de Sévigné den Skandal um Lauzun und Mademoiselle, indem sie das Ereignis als eben genau diesen beau songe und sujet de roman ou tragédie bezeichnet und damit die politisch gefährliche Realität, nämlich dem Bruch der Rangordnung, in eine erzählte, spielerische Geschichte verwandelt – ganz nach der dévise romanesque: écrire ses fantasmes pour y échapper – die eigenen Fantasien aufschreiben, um ihnen zu entfliehen.
An der Schnittstelle von Briefliteratur und Romanästhetik des 17. Jahrhunderts entfaltet der Brief der Marquise typische stratégies romanesques und lässt die Grenze zwischen vie und roman spielerisch verwischen. Als eine Mischung von Gesellschaftschronik – den Neuigkeiten aus Versailles und Paris – und Salonwitz dient der Brief der Marquise als un beau sujet de discourir, als Rohmaterial für Gespräche, Klatsch und Kommentare im mondänen Milieu. Die stratégies romanesques in der Correspondance erlauben Paris aus einem internen Blickwinkel zu betrachten, eine weltliche Perspektive einzunehmen und soziale Maskierung sowie Intrigen zu entlarven und dabei den Zwiespalt zwischen Ordnung und Leidenschaft zu erfahren.
Gleichzeitig zeigt der Brief innerhalb der Correspondance paradigmatisch die spätere Angst der Selbstzensur von Madame de Sévigné auf, dass solche Briefe, die ein besonderes Maß an Esprit und Klatsch enthalten, entre les mains d’un tiers arglistig uminterpretiert werden könnten. Dies hätte den Ruf der Marquise als femme honnête gefährdet.
Diese Traduction des gelebten Alltags in erzählerische Muster und demnach das Erkennen von sujets du roman in politischen Affären, Familienepisoden und Hofanekdoten, ist nicht nur eine Schreibstrategie der Correspondance, sondern konstituiert eine Haltung gegenüber der Wirklichkeit, in der jedes Ereignis potentiell Stoff einer neuen Geschichte wird. Die Praxis des Schreibens von Madame de Sévigné ist somit eine frühe Form dessen, was heute im Marais, einem Ort, an dem sie selbst lebte, in touristischen und kulturellen Dimensionen fortgeschrieben wird: Stadtführungen, literarische Spaziergänge und Museumsbesuche romanisieren den Stadtteil, indem sie historische Fakten, Biografien und Orte zu erzählbaren Szenen verdichten. Während unserer Exkursion nach Paris waren auch wir dazu eingeladen, das Viertel selbst en mode romanesque zu erleben.
Das heutige Marais zeigt, dass la vie en mode romanesque sehr unterschiedlich wahrgenommen und fortgeschrieben werden kann. Als Mode- und Kunstviertel, als queerer Raum und als traditionelles jüdisches Viertel führt das Marais eine Vielzahl teils konkurrierender Narrative, die alle eine je eigene romaneske Perspektive produzieren, zusammen: Boutiquen und Galerien erzählen Geschichten von Kreativität und stilisierter Urbanität sowie Lifestyle, Bars und Orte der LGBTQ+- Szene inszenieren das Viertel als Bühne für alternative Biografien, Selbstinszenierung und Emanzipationsgeschichten, während Synagogen und das kollektive Gedächtnis an die Shoah eine stark historisch geprägte Erzählschicht öffnen. Beim Durchqueren des Viertels konnte ich spüren, wie sich in den Hinterhöfen und engen Gassen unterschiedliche Zeiten ineinander falten: In einem kleinen Antiquariat in der Rue Pavée stapelten sich abgegriffene Ausgaben von Racine und Molière neben Fotobänden zeitgenössischer Künstler. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass dieses stille Nebeneinander selbst metaphorisch zu einer fortgeschriebenen Vielfalt wird, wodurch das Marais nicht nur als Topos der Erinnerung erscheint, sondern vielmehr als lebendiger Lebensraum, in der Vergangenheit und Gegenwart sowie Fiktion und Realität ineinander übergehen. Ich und alle anderen Passant*innen wurden und werden selbst zu Mitschreibenden dieser bestehenden Erzählbewegung genauso wie Madame de Sévigné die Geschichte des Marais im 17. Jahrhundert mitschrieb. Ihren Beitrag für Paris – die Correspondance – und ihr Fortleben in Paris – insbesondere im Marais – sind noch heute im Souvenirshop des Musée de Carnavalet, ihrem früheren Wohnort, zugänglich.
Ein besonderes Erlebnis, welches die Briefkultur des 17. Jahrhunderts greifbar machte, war der Besuch eines Cafés, in dem ich einen Brief an mein zukünftiges Ich schreiben konnte. Diese Geste, sich selbst in fünf Jahren anzuschreiben, spiegelte für mich die Schreibpraxis der Marquise wider: auch sie schrieb an ihre abwesenden Adressaten und wandelte einen bestimmten Moment in eine erzählte Form um, der für eine spätere Lektüre gedacht war. Wenn man den Stift ansetzt, um sich selbst in der Zukunft anzusprechen, entsteht dabei fast automatisch eine kleine Szene: Man arrangiert Eindrücke, Gefühle und Details genau so, dass sie erzählbar werden – als wollte man seinem späteren Ich eine besondere Mini-Romanfolge hinterlassen. Auf diese Weise, erlebte auch ich den bewussten Augenblick einer kleinen romanesken Szene, die erst in der Zukunft ihre Pointe erhalten wird. Anders als bei Madame de Sévigné teilen wir jedoch unsere Eindrücke heute hauptsächlich über Social Media, um für Freunde und Bekannte das Flair der Stadt einzufangen. Statt einem einzigen, erwartungsvoll geöffneten Brief entstehen dort fortlaufende, kleinteilige Momentaufnahmen – kurze Textfragmente, Bilderbeiträge oder Stories –, die gemeinsam eine Art serielles Stadtromanfragment ergeben. Hierbei wurde mir ein zentraler Unterschied bewusst: während Madame de Sévigné mit einem engen Adressatenkreis privat und handschriftlich korrespondierte, kommunizieren wir vielmehr in einem (halb)öffentlichen digitalen Salon, sodass sich unsere fragments romanesques von der Briefkultur in ein Online-Narrativ des Marais verschieben.
Bibliographie
Madame de Sévigné: Correspondance, Éd. Roger Duchêne, Bd. I 1972, Bd. II 1974, Bd. III 1978., Paris: Gallimard, Bibliothèque de la Pléiade.
Charles, Lise: „Les grands romans de Mme de Sévigné“, in: Exercices de rhétorique 6 (2016).
Duchêne, Roger: „Signification du romanesque: l’exemple de Madame de Sévigné“, in: Revue d’Histoire littéraire de la France 77/3-4 (1977), S. 578-594.
Kulesza, Monika: “Madame de Sévigné et les théories du roman”, in: Écho des études romanes 1/1 (2005), S. 67-77.