Design

Tandem: Julia Beck, Natalie Berndt / Projektleitung: Alisa Winkens

I. Die Beherrschung der Naturgewalten: Ästhetik und Autorität zwischen Glanz, Wind und Rauch

Die wesentlichen offiziellen Programmpunkte der Plaisirs de l’île enchantée finden am Abend der jeweiligen Festtage statt – so auch die Inszenierung des Stücks La Princesse d’Élide, die ab 20:00 am Abend des zweiten Tages aufgeführt wird. Entsprechend kommt der Beleuchtung eine zentrale Rolle zu, die jedoch aufgrund der Verortung der Festplätze in den Gärten – mitunter unter freiem Himmel – maßgeblich durch Umweltfaktoren wie Wind und Regen beeinflusst werden kann.

Lichtzauber am Hof Louis XIV

Durch eine gezielte Lichtinszenierung wird der natürliche Tagesverlauf aufgehoben: Das tägliche Entzünden einer unvorstellbar großen Anzahl an Kerzen erhellt die Festplätze wirkungsvoll und verwandelt so die Nacht in den Tag, wie die Festberichte durch explizite Vergleiche der Beleuchtung mit der Sonne oder dem Tageslicht für den Abend des ersten Festtags betonen:

Detail aus: Israël Silvestre/Pierre Lepautre/François Chauveau: Les Plaisirs de l’île enchantée, ou les fêtes, et divertissements du Roi, à Versailles. Kupferstichgravuren [n.p.], ca. 1679. ÖNB Digital/Österreichische Nationalbibliothek, Sub tab.241 ALT PRUNK (https://data.onb.ac.at/rep/1319191D).

Des grandes Machines entrelacées dans les Arbres du Rond, soutenaient des Chandeliers garnis d’un nombre infini de Flambeaux, pour faire, s’il était possible, une lumière égale à celle du Soleil, lorsqu’il aurait fait place à la nuit.

Marigny: Relation des divertissemens, S. 11f.

Große Maschinen, verflochten zwischen den Bäumen des Rondells, trugen Kronleuchter, die mit einer unzähligen Anzahl an Kerzen bestückt waren, um – wenn es denn möglich wäre – ein Licht zu erzeugen, das dem der Sonne gleichkäme, sobald diese der Nacht gewichen war.

[I]n der Nacht bei dem Grün der hohen Palisaden, eine unendliche Anzahl von grün und silbern bemalten Kronleuchtern, von denen jeder vierundzwanzig Kerzen trug, und zweihundert Fackeln aus weißem Wachs, die von ebenso vielen Menschen in Masken gehalten wurden, gaben eine Klarheit ab, die fast genauso hell und noch angenehmer war als die des Tages.

[D]ans la nuit auprès de la verdeur de ces hautes palissades, un nombre infini de Chandeliers peints de vert et d’argent, portant chacun vingt-quatre bougies, et deux cents flambeaux de cire blanche, tenus par autant de personnes vêtues en Masques, rendaient une clarté, presque aussi grande et plus agréable que celle du jour.

Ballard in Forestier (Hg.): Les Plaisirs de l’Isle enchantée, S. 535.

Auf diese Weise inszeniert Louis XIV seine Feste als Macht über den Sonnenzyklus. Unmengen an Fackeln und Kerzen pro Festtag zeigen die überdimensionierte Lichtinszenierung, die damit zur Machtdemonstration wird:

Hohe Tücher, fast augenblicklich errichtete Holzgebäude und eine ungeheure Anzahl an Fackeln aus weißem Wachs, um mehr als viertausend Kerzen täglich auszugleichen, widerstanden diesem Wind; der überall anderswo diese Vergnügungen als unmöglich umzusetzen gemacht hätte.

De hautes toiles, des bâtiments de bois faits presque en un instant, et un nombre prodigieux de flambeaux de cire blanche, pour suppléer à plus de quatre mille bougies chaque journée, résistèrent à ce vent; qui partout ailleurs eût rendu ces divertissements comme impossibles à achever.

Ballard in Forestier (Hg.): Les Plaisirs de l’Isle enchantée, S. 521f.

Allein in Versailles, dem Schauplatz der königlichen Macht, ist ein solcher Lichtzauber möglich, dem auch widrige Wetterbedingungen hier offenbar nichts anhaben können.

Die Beleuchtung im Gartentheater

Auch für den zweiten Festtag, der Theateraufführung im Gartentheater, ist von einer enorm großen Menge an Beleuchtungsquellen auszugehen. Auf der Bühne werden im historischen Theater üblicherweise die Kulissenwände – die sogenannten Châssis – von hinten beleuchtet. An den Holzrahmen, die auf der Vorderseite das Bühnenbild zeigen, befinden sich auf der Rückseite mehrere Metallkästen mit Kerzen. Diese rückwärtige Beleuchtung diente der besseren Sichtbarkeit und Tiefenwirkung der Kulissen. Als weitere Lichtquelle auf der Bühne fungiert in der Regel die sogenannte Rampe: Dabei handelt es sich um Kerzen, die in einer Linie am vorderen Bühnenrand über die gesamte Breite der Bühnenöffnung und somit zwischen Bühne und Zuschauerraum installiert waren. Aus Sicht des Zuschauerraums sind diese Kerzen meist durch eine niedrige Metallbrüstung verdeckt, um das Publikum nicht zu blenden, sondern vielmehr die Schauspielenden von vorne zu beleuchten. Weder die Beleuchtung der Kulissenwände noch die Rampe sind im Kupferstich des Gartentheaters sichtbar – das könnte einerseits auf die Perspektive dieser Abbildung zurückzuführen sein, die schlicht nicht den Einblick hinter die Kulissen ermöglicht.

Andererseits bilden ikonografische Materialien zu Ereignissen der Festkultur technische Elemente – wie etwa die Rampe – tendenziell aus, um den Fokus des Abbildungsbetrachters hier vielmehr auf die dargestellten Figuren auf der Bühne und natürlich die zentral sitzende Königsfamilie zu lenken.

Israël Silvestre (d’après): Recueils des Menus Plaisirs du roi. Archives nationales, CP/O/1/3242/A (http://www2.culture.gouv.fr/Wave/image/archim/MP/FRDAFAN08_SCEK000793_2.jpg
Detail aus: Israël Silvestre/Pierre Lepautre/François Chauveau: Les Plaisirs de l’île enchantée, ou les fêtes, et divertissements du Roi, à Versailles. Kupferstichgravuren [n.p.], ca. 1679. ÖNB Digital/Österreichische Nationalbibliothek, Sub tab.241 ALT PRUNK (https://data.onb.ac.at/rep/1319191D).
Detail aus: Israël Silvestre/Pierre Lepautre/François Chauveau: Les Plaisirs de l’île enchantée, ou les fêtes, et divertissements du Roi, à Versailles. Kupferstichgravuren [n.p.], ca. 1679. ÖNB Digital/Österreichische Nationalbibliothek, Sub tab.241 ALT PRUNK (https://data.onb.ac.at/rep/1319191D).

Am Übergang zwischen Bühne und Zuschauerraum dürfte die Beleuchtung besonders hell gewesen sein: Sowohl über die gesamte Breite der Bühnenöffnung als auch rechts und links davon hängen jeweils fünf prunkvolle Kronleuchter herab – insgesamt also 15 grün-silber bemalte Kronleuchter mit je ungefähr 24 Kerzen, die den Proszeniumsbogen als königlichen Triumphbogen erhellen. Zur Ausleuchtung der Gänge im Zuschauerraum ist zusätzlich der Einsatz von Fackeln wahrscheinlich. Daraus ergibt sich, dass vermutlich – wie im historischen Theater üblich – auch der Zuschauerraum beleuchtet war. Denn die Rezeption eines Theaterstücks ist insbesondere im höfischen Kontext nicht nur auf das Anschauen der Aufführung ausgelegt, sondern bedingt auch das Sehen und Gesehenwerden der Zuschauenden untereinander.

Kerzen im 17. Jahrhundert verbreiten jedoch nicht nur warmes, gelbliches Licht, sondern bringen durchaus auch negative Effekte mit sich: Insbesondere die einfachen und günstigen Chandelles, die aus tierischem Fett bestehen, brennen relativ schnell ab und erzeugen sowohl einen unangenehmen Geruch und als auch rußigen, schwarzen Rauch. Die hochwertigen Bougies, die aus Wachs mit einem Baumwolldocht bestehen, verbrennen zwar deutlich angenehmer, sind jedoch auch wesentlich teurer. Welche Kerzenart bei der Aufführung von La Princesse d’Élide genutzt wurde, ist nicht abschließend zu klären – wobei die Festberichte überwiegend von Bougies sprechen und es in einem Lexikon aus dem 17. Jahrhundert heißt:

Chez le Roy on ne brusle que de la bougie.

Furetière, Antoine: Dictionnaire universel, contenant généralement tous les mots francais tant vieux que modernes, et les termes de toutes les sciences et des arts. 1690 [n.p.] (gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France).

Beim König verbrennt man ausschließlich Wachskerzen.

Ästhetik und Autorität: Die Beleuchtung als Zeichen königlicher Überlegenheit

Trotz der Vielzahl an Lichtquellen war das gesamte Beleuchtungsniveau jedoch weitaus geringer als bei heutigen Theaterproduktionen. Eine besondere Herausforderung stellte der Wind dar: Er ließ zahlreiche Kerzen erlöschen und wirbelte Tücher sowie bemalte Leinwände durcheinander. Denn das gesamte Gartentheater wurde vor der Aufführung mit Tüchern bespannt, um die Zuschauenden vor dem Wind zu schützen:

Der König ließ also in so kurzer Zeit, dass man sich darüber wundern musste, das ganze Rondell als eine Art Kuppel mit Tüchern bedecken, um die große Zahl an Fackeln und Kerzen, die das Theater beleuchten sollten, gegen den Wind zu schützen.

Le Roi fit donc couvrir de toiles, en si peu de temps qu’on avait lieu de s’en étonner, tout ce rond d’une espèce de Dôme pour défendre contre le vent le grand nombre de Flambeaux et de Bougies qui devaient éclairer le Théâtre.

Ballard in Forestier (Hg.): Les Plaisirs de l’Isle enchantée, S. 536.

Diese schnelle Bespannung des Zuschauerraums zeigt die Handlungsfähigkeit des Hofes und vor allem des Königs. Die Kuppel aus Tüchern schützt nicht nur das Licht, sondern wird zum Sinnbild der Kontrolle über Naturkräfte. Der König errichtet einen künstlichen Kosmos, eine Welt unter seiner Herrschaft – eine eigene Ordnung gegen die Einflüsse der Natur.  Der Wind, der eine tatsächliche Schwierigkeit darstellte, wird umgedeutet: Er wird nicht als Problem gesehen, sondern als Beweis für die überlegene Macht und Voraussicht des Königs:

Selbst der Himmel schien die Pläne Seiner Majestät zu begünstigen, denn in einer fast immer regnerischen Jahreszeit kam es nur zu leichtem Wind, der offenbar nur zugenommen hatte, um zu zeigen, dass die Weitsicht und Macht des Königs selbst den größten Unannehmlichkeiten standhalten konnten.

Le Ciel même sembla favoriser les desseins de Sa Majesté, puisqu’en une saison presque toujours pluvieuse on en fut quitte pour un peu de vent, qui sembla n’avoir augmenté, qu’afin de faire voir que la prévoyance et la puissance du Roi étaient à l’épreuve des plus grandes incommodités.

Ballard in Forestier (Hg.): Les Plaisirs de l’Isle enchantée, S. 521.

Bereits für den ersten Festtag wird der personifizierte Wind in den Berichten als reale Bedrohung für das fragile Lichtsystem und als Neider der öffentlichen Freude dargestellt. Gleichzeitig wird betont, dass kein Mensch es je wagen würde, so etwas zu stören – nur ein unkontrollierbares Element wie der Wind kommt dafür infrage, da die Menschen die Autorität von Louis XIV erkennen und respektieren. Nur die Natur wagt es, sich zu widersetzen:

Es ist wahr, dass ein gewisser Neider der öffentlichen Freude, um das Vergnügen der Augen zu schmälern, einen Teil der Lichter löschte: Sie verstehen natürlich, dass es der Wind war, denn Sie würden sich sehr irren, wenn Sie dächten, es gäbe ein lebendes Wesen, das so leichtsinnig oder unverschämt wäre, dies zu wagen.

Il est vrai, qu’un certain envieux de la joie publique, pour diminuer le plaisir des yeux, éteignit une partie des lumières: vous comprenez bien que ce fut le vent, car vous vous tromperiez fort, si vous pensiez qu’il y eût eu quelque créature vivante assez étourdie, ou assez insolente, pour l’oser faire.

Marigny: Relation des divertissemens, S. 31f.

Gleichzeitig wird aber auch das Scheitern des Windes angedeutet – denn trotz seiner Einmischung konnte das Fest stattfinden und wurde nicht vereitelt, sondern nur kurz gestört. Damit wird das Naturphänomen Wind nicht als strukturelles Misslingen angesehen, sondern unterstreicht in den offiziellen Festberichten sogar noch den Anspruch auf Einmaligkeit und Größe der Veranstaltung. In den inoffiziellen historischen Quellen lassen sich jedoch auch Hinweise darauf finden, dass es tatsächlich durchaus spürbare witterungsbedingte Einschränkungen gab. So heißt es in einem Brief des Bühnenbauers Carlo Vigarani vom 16. Mai 1664:

All diese Feste sind sowohl in ihrer Konzeption als auch in ihrer Ausführung wunderschön, was mir umso größeren Ruhm brachte, als dass das eine wie das andere meine Werke sind. Und hätte der Wind, der in dieser Jahreszeit gewöhnlich herrscht, nicht ein wenig von ihrer Schönheit gemindert, indem er die Beleuchtung schwächte und die Leinwände und Vorhänge durcheinanderbrachte, würde ich mir erlauben zu sagen, dass es keine prächtigeren je gegeben hätte.

 

Tutte queste feste sono tutte tanto nell' inventione che nell' esecu tione trovate bellissime, con tanto maggior mia gloria, che l'una e l'altra sono stati miei parti, e se il vento che in questa stagione régna ordinaramente, non ne havesse [sic] scemato qualche poco di bellezza col scemar l'illuminazione, e sconcertar le tele e tellari, ardirei di dire, non sene esser fatte di più superbe.

Vigarani in Rouchès (Hg.): 16. Mai 1664, S. 92.

Hier wird eine deutliche Minderung der Helligkeit und Störung der visuellen Harmonie während der Aufführung im Gartentheater deutlich – und damit eine wahrscheinliche Einschränkung ihrer ästhetischen Wirkung insgesamt. Dass die Darbietung trotz widriger Umstände stattfinden konnte, wird als Zeichen einer sich dem König unterwerfenden Natur dargestellt und inszeniert eine eindrucksvolle Form königlicher Machtrepräsentation. Nirgendwo sonst wäre eine derartige Aufführung unter solchen Bedingungen möglich gewesen – doch die Macht des Sonnenkönigs erhebt sich über alles und macht das Unmögliche möglich.

II. Enchantement der Theatermaschine: Staunen und Illusion

Nicht nur über die kunstvolle Beleuchtung wird im Gartentheater gestaunt – hinzu kommen besondere Effekte auf der Bühne, die durch eine Theatermaschine ausgelöst werden. Mithilfe einer Maschinerie in Form eines Baumes wird die Illusion der verzauberten Insel in Bezug auf die Rahmenhandlung der Plaisirs de l’île enchantée aufrechterhalten und zugleich die Verzauberung des Publikums und dessen Staunen generiert.

Unklare Bewegung der Theatermaschine auf der Bühne

Im letzten Zwischenspiel des Theaterstücks wird das große Finale folgendermaßen beschrieben:

Während diese liebenswürdigen Personen tanzten, kam unter dem Theater eine Maschine in Form eines großen Baumes hervor, der mit sechzehn Faunen besetzt war, von denen acht die Flöte und die anderen Violine spielten, mit dem angenehmsten Konzert der Welt.

Pendant que ces aimables personnes dansaient, il sortit de dessous le Théâtre la machine d’un grand arbre chargé de seize Faunes, dont les huit jouèrent de la Flûte, et les autres du Violon, avec un concert le plus agréable du monde.

Ballard in Forestier (Hg.): Les Plaisirs de l’Isle enchantée, S. 588.

Scheinbar fährt also eine große Bühnenkulisse in Form eines Baumes mit ineinander verschlungenen Ästen und Sitzmöglichkeiten für Instrumentalisten von der Unterbühne auf den eigentlichen Bühnenboden und sorgt damit für Erstaunen. Derartige Klappen im Bühnenboden, die sogenannte Trappe, sind im 17. Jahrhundert nichts Ungewöhnliches – sie ermöglichen unerwartete, plötzliche Erscheinungen auf der Bühne. Da das ephemere Gartentheater jedoch mitten auf der zentralen Allee im Garten von Versailles verortet ist und die Bühne damit nicht in einem unterkellerten Theaterhaus untergebrach ist, ist tendenziell nicht davon auszugehen, dass eine tiefe Unterbühne existierte – was den oben beschriebenen Bewegungsablauf doch etwas unklar erscheinen lässt. Hinzu kommt ein Widerspruch im historischen Quellenmaterial, da ein weiterer Festbericht eine andere Bewegungsrichtung der Maschine beschreibt:

Im hinteren Bereich des Theaters, auf einem großen Baum, dessen Äste miteinander verflochten waren, spielten sechzehn Faune ein angenehmes Flötenkonzert, und während sie wieder zu Atem kamen, sangen zwei heldenhafte Hirten und zwei Hirtinnen ein Tanzlied. Anhand ihrer Namen, die im Gedruckten stehen, können Sie die Schönheit ihrer Stimmen und die Freude beurteilen, die man beim Hören empfand. Hingegen bewegte sich der Baum, auf dem die Faune saßen, bis in die Mitte des Theaters durch einen Zauber von Alcine vor.

Au fond du Théâtre, sur un grand Arbre, dont les branches étaient entrelacées les unes dans les autres, seize Faunes faisaient un agréable concert de Flûtes, et dans le temps qu’ils reprenaient haleine, deux Bergers et deux Bergères Héroïques chantaient une Chanson à danser, par leurs noms qui sont dans l’imprimé vous jugerez de la beauté de leurs voix, et du plaisir que l’on avait de les entendre. Cependant l’Arbre sur lequel les Faunes étaient assis, s’avança jusques au milieu du Théâtre par un enchantement d’Alcine.

Marigny: Relation des divertissemens, S. 38f.

Hier wird eher eine horizontale Bewegung der Baummaschine vom hinteren Bereich der Bühne in die Bühnenmitte angegeben. Bewegliche Kulissenteile auf Bühnenbodenniveau, die über entsprechende Schienen laufen, sind im Theater des 17. Jahrhunderts durchaus gewöhnlich. Mit der handschriftlichen Angabe im Mémoire de Mahelot  lässt sich jedoch eher vermuten, dass der Baummaschine ein Hebelsystem zugrunde liegt, was erklärt, dass die Bewegung sowohl von unten nach oben als auch horizontal wahrgenommen wird. Der Widerspruch in den Quellen wäre damit nur ein scheinbarer und verweist darauf, dass der Effekt so gut zu funktionieren scheint, dass seine Funktionsweise von den Zeitgenossen nicht eindeutig identifiziert werden kann. Der übereinstimmend in den Quellen beschriebene Illusionseffekt wird in Bezug zum thematischen roten Faden der Festlichkeiten gesetzt: Gemeint ist die Handlung um Ritter Roger und die Magierin Alcine, die für verschiedene Verzauberungen verantwortlich ist. Gemeinsam mit der musikalischen und tänzerischen Darbietung entsteht so eine Schlussszene der Theateraufführung, deren Effekt auf die Zuschauenden superlativisch dargestellt wird:

[D]ie schönste und überraschendste Entrée, die man je gesehen hatte.

[L]a plus belle et la plus surprenante Entrée que l’on ait jamais vue.

Marigny: Relation des divertissemens, S. 38.

Offizielle Illustrationen dieser Theatermaschine des zweiten Festtags gibt es keine, jedoch ist die Maschinerie in Gestalt eines Baumes ein wiederkehrendes Motiv, das sich bereits am ersten Festtag finden lässt:

Carlo Vigarani (d’après): Dessin de l'atelier des Menus Plaisirs représentant la machine de Pan et de Diane. Archives nationales, CP/O/1/3242/A, fol. 52, n° 52 (https://www.siv.archives-nationales.culture.gouv.fr/siv/media/FRAN_IR_058647/A1_585/FRAN-AMP3242A_0602).
Detail aus: Israël Silvestre/Pierre Lepautre/François Chauveau: Les Plaisirs de l’île enchantée, ou les fêtes, et divertissements du Roi, à Versailles. Kupferstichgravuren [n.p.], ca. 1679. ÖNB Digital/Österreichische Nationalbibliothek, Sub tab.241 ALT PRUNK (https://data.onb.ac.at/rep/1319191D).

Eine große Maschine aus kunstvoll ineinander verschlungenen Bäumen, die fast so hoch waren wie die Höhe jener der Alleen, erschien auf dem Platz, und näherte sich allmählich den Königinnen. Pan und Diane saßen auf den höchsten Ästen dieser Bäume, und dieser Maschine ging ein Konzert von Oboen und von Flöten voraus.

Une grande Machine d’Arbres artistement entremêlés, et qui s‘élevaient presque à la hauteur de ceux des Allées, parut dans la place, et s’approcha insensiblement des Reines. Pan et Diane étaient assis sur les plus hautes branches de ces Arbres, et cette Machine était devancée par un concert de Hautbois, et de Flûtes.

Marigny: Relation des divertissemens, S. 27.

Hier wird eine aus zwei ineinander verschlungenen Bäumen und einem Felsen bestehenden Maschine beschrieben, auf welcher Molière und seine Frau, verkleidet als Pan und Diane, auf den Festplatz fahren. Nicht nur die Gestalt des beweglichen Baumes, sondern auch die Möglichkeit, Personen zu transportieren, ist eine deutliche Parallele. In beiden Szenen wird der Theatermaschineneinsatz zudem durch Musik untermalt – während am ersten Tag die Musik jedoch nur um die Maschine herum stattfindet, bildet der Baum auf der Bühne des Gartentheaters am zweiten Festtag das unmittelbare Zentrum der musikalischen Kulisse und zeigt damit zwar eine Imitation des Motivs vom Vortag, jedoch zugleich eine Steigerung und eine Überbietung auf.

Nachahmung der Baummaschine von 1664 im Fest von 1668

Dass der Einsatz der Theatermaschine in Form eines Baumes in La Princesse d’Élide ein großer Erfolg war, zeigt sich zudem daran, dass vier Jahre später eine nahezu identische Maschine bei den nachfolgenden Festlichkeiten in Versailles, dem Grand Divertissement royal, eingesetzt wird:

[A]uf der Bühne entdeckt man nur große Felsen, gemischt mit Bäumen, wo man mehrere Hirten sieht, die singen und die auf allen möglichen Arten von Instrumenten spielen. […] Bei diesen Worten sah man einen großen, mit Bäumen bewachsenen Felsen, der sich vom hinteren Bereich des Theaters näherte, auf dem die gesamte Truppe von Bacchus saß.

[O]n ne découvre sur le théâtre que de grandes roches entremêlées d’arbres, où l’on voit plusieurs Bergers qui chantent et qui jouent de toutes sortes d’instruments. […] À ces mots l’on vit s’approcher du fond du théâtre un grand rocher couvert d’arbres, sur lequel était assise toute la troupe de Bacchus.

Félibien, André: Relation de la fête de Versailles du dix-huit juillet mille six cent soixante-huit. Hg. Martin Meade. Paris 1994, S. 54.

Im Rahmen der Aufführung von Les Fêtes de l’Amour et de Bacchus sitzen also ebenfalls Schauspielende und Instrumentalisten in einer Baummaschine, die sich vom hinteren Bühnenbereich nach vorne bewegt.

Israël Silvestre/Pierre Lepautre/François Chauveau: Les Plaisirs de l’île enchantée, ou les fêtes, et divertissements du Roi, à Versailles. Kupferstichgravuren [n.p.], ca. 1679. ÖNB Digital/Österreichische Nationalbibliothek, Sub tab.241 ALT PRUNK (https://data.onb.ac.at/rep/1319191D).

III. Die Galanterie der Kostüme: Design und Kontext

Neben der Beleuchtungsinszenierung und der Baummaschine existiert noch ein weiterer Bezug zwischen dem ersten und dem zweiten Festtag: Die antikisierende Kostümgestaltung zur Glorifizierung des Königs. Denn die verschiedenen AkteurInnen des ersten Festtags tragen – ebenso wie der König selbst in seiner Rolle des Ritters Roger – im antiken Stil gehaltene Kostüme:

Seine Majestät war wie alle Mitglieder seiner Quadrille nach griechischer Art bewaffnet und trug einen silbernen Panzer, der mit reichhaltigen Gold- und Diamantstickereien überzogen war. Ihre Haltung und ihr gesamtes Auftreten waren ihres Ranges würdig; ihr Helm, vollständig mit feuerfarbenen Federn bedeckt, strahlte eine unvergleichliche Anmut aus; und niemals hat eine freiere, kriegerischere Ausstrahlung einen Sterblichen über andere Menschen erhoben.

Sa Majesté était armée à la façon de Grecs comme tous ceux de sa Quadrille, et portait une cuirasse de lame d’argent, couverte d’une riche broderie d’or et de diamants. Son port et toute son action étaient dignes de son rang; son Casque tout couvert de plumes couleur de feu, avait une grâce incomparable; et jamais un air plus libre, ni plus guerrier, n’a mis un mortel au-dessus des autres hommes.

Ballard in Forestier (Hg.): Les Plaisirs de l’Isle enchantée, S. 524.

Über das Kostüm des Königs wird die Idealisierung und Stilisierung des Königs zu einer antiken Gottheit vollzogen, wobei Bezüge zum antiken Mythos im 17. Jahrhundert dem vorherrschenden ästhetischen Ideal entsprechen und als besonders edel und vorbildlich gelten. Daher überrascht es wenig, dass auch die Kostüme der Ballettkomödie am zweiten Festtag auf der Bühne des Gartentheaters diesem antiken Ideal nacheifern. Zusätzlich sind die Kostüme der Ballettkomödie Ausdruck höfischer Eleganz, weil sie das für die Handlung zentrale, gesellschaftliche Ideal der Galanterie betonen. Indem die Kostüme die Attraktivität der weiblichen Figuren hervorheben und die männlichen Figuren als charmante Galane inszenieren, bringen sie diese besondere, höfische Form des Savoir-plaire zum Ausdruck.

Jeremias Wachsmuth: La Princesse d’Élide, Premier Intermède, Akt 1 Sz. 2. Bayerisches Nationalmuseum, 47/21.1463 (https://www.bayerisches-nationalmuseum.de/en/collection/00089811).
Detail aus: Jeremias Wachsmuth: La Princesse d’Élide, Premier Intermède, Akt 4 Sz. 6. Bayerisches Nationalmuseum, 47/21.1461 (https://www.bayerisches-nationalmuseum.de/sammlung/00089813).
Detail aus: Martin Engelbrecht: [Princesse d’Élide]. gallica.bnf.fr/Bibliothèque nationale de France, Département Arts du spectacle 4-ICO PER-18549 (1-4) (https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8436359d/f285.item).

Die Kostüme stammen aller Wahrscheinlichkeit nach von dem Hofkostümbildner Henri Gissey und waren äußerst farbenfroh gestaltet. Als Quellen für die Kostüme der Princesse d’Élide sind insbesondere Kostümbeschreibungen aus Molières Nachlass relevant – denn die ursprünglich in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu den Festen angefertigten Zeichnungen und Kupferstiche sind in der Regel nicht koloriert und lassen daher nur grobe Kostümelemente erkennen. Alle kolorierten Abbildungen sind deutlich später entstanden und müssen daher kritisch hinterfragt werden.

Die Princesse d’Élide

Die Princesse d’Élide ist die Protagonistin des Stücks, welche von zwei Männern umworben wird, ihre Unabhängigkeit aber nicht für die Liebe aufgeben möchte. Ihr Kostüm wird in Molières Nachlass wie folgt beschrieben:

Item, ein Rock aus zitronengelbem Taft, mit Guipure-Spitze verziert, acht Mieder mit verschiedenen Verzierungen und ein kleines Mieder mit Stickereien aus feinem Gold und Silber aus dem Kostüm der Princesse d‘Élide, geschätzt auf fünfundzwanzig Livres.

Item, une jupe de taffetas couleur de citron, garnie de guipures, huit corps de différentes garnitures et un petit corps en broderie or et argent fin de l‘habit de La Princesse d‘Elide, prisé vingt-cinq livres.

„Inventaire après décès de Molière“, in: Georges Forestier (Hg.): Œuvres complètes. Paris: Éditions Gallimard 2010, S. 1147-1153, hier S. 1152.

Sie trägt also einen kunstvoll verzierten Kopfschmuck aus Federn und eine Tiara sowie eine Perlenkette und ein Juwelenarmband. Der Oberkörper ist mit einem prunkvollen V-förmigen Korsett bedeckt, das mit goldenen und silbernen Elementen geschmückt ist und lange, hängende Ärmel hat. Ihr zitronengelber Rock, aus seidenumsponnenen Baumwollfäden gefertigt, reicht bis zu den Knöcheln und ist mit einer eleganten Schleppe versehen. An den Füßen trägt sie Sandalen und in der Hand hält sie einen Fächer. Das Kostüm hatte einen Wert von 20 Livres (eine historische französische Währung).

Links Detail aus: Israël Silvestre/Pierre Lepautre/François Chauveau: Les Plaisirs de l’île enchantée, ou les fêtes, et divertissements du Roi, à Versailles. Kupferstichgravuren [n.p.], ca. 1679. ÖNB Digital/Österreichische Nationalbibliothek, Sub tab.241 ALT PRUNK (https://data.onb.ac.at/rep/1319191D). Mitte Detail aus: La Princesse d'Elide, comédie du Sieur Molière, ensemble les Plaisirs de l'isle enchantée. 1674. gallica.bnf.fr/Bibliothèque nationale de France, Département Arts du spectacle, RESERVE 8-RF-3082 (https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k12804660/f6.item). Rechts Detail aus: Martin Engelbrecht: [Princesse d’Élide]. gallica.bnf.fr/Bibliothèque nationale de France, Département Arts du spectacle 4-ICO PER-18549 (1-4) (https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8436359d/f286.item).

Euryale und Arbate

Euryale, der Prinz von Ithaque und Werber um die Princesse d’Élide, trägt ein prachtvolles Kostüm im antiken Stil, wie es für die royalen Figuren üblich war. Sein Erscheinungsbild ist luxuriös und aufwendig gestaltet:

Detail aus: Jeremias Wachsmuth: La Princesse d’Élide, Premier Intermède, Akt 4 Sz. 6. Bayerisches Nationalmuseum, 47/21.1461 (https://www.bayerisches-nationalmuseum.de/sammlung/00089813).

Ein flacher Hut, geschmückt mit Federn, wird kombiniert mit einer langen, lockigen Perücke; seine Spitzenkrawatte wird ergänzt durch eine kunstvoll gewebte und bestickte Weste mit eleganten Ärmeln. Sein tonnelet – ein steifer Reifrock – ist mit Juwelen verziert. Darunter trägt er verzierte Strümpfe mit Knieornamenten und Schuhe mit großen Stoffschleifen. Ein Schwert vervollständigt sein Erscheinungsbild. Der Wert des gesamten Kostüms betrug 900 Livres.

Detail aus: La Princesse d'Elide, comédie du Sieur Molière, ensemble les Plaisirs de l'isle enchantée. 1674. gallica.bnf.fr/Bibliothèque nationale de France, Département Arts du spectacle, RESERVE 8-RF-3082 (https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k12804660/f6.item).

Arbate ist der königliche Verwalter/Gouverneur. Er trägt ein ähnliches Kostüm wie Euryale, welches allerdings weniger Verzierungen aufweist. Zudem ist bei ihm kein Hut vorzufinden.

Detail aus: Jeremias Wachsmuth: La Princesse d’Élide, Premier Intermède, Akt 1 Sz. 2. Bayerisches Nationalmuseum, 47/21.1463 (https://www.bayerisches-nationalmuseum.de/en/collection/00089811).
Detail aus: La Princesse d'Elide, comédie du Sieur Molière, ensemble les Plaisirs de l'isle enchantée. 1674. gallica.bnf.fr/Bibliothèque nationale de France, Département Arts du spectacle, RESERVE 8-RF-3082 (https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k12804660/f6.item).

Moron

Moron, der Hofnarr und Unterhalter des Stücks, trägt ein typisches Dienerkostüm, das im Vergleich zur prunkvollen Kleidung der übrigen Figuren bewusst schlicht gehalten ist – üblich für die Darstellung von Narren in Molières Theaterstücken. Es besteht aus einer toque, einer Art Kochmütze aus goldenem Brokat – einem gemusterten Seidengewebe. Dazu trägt er ein Oberteil mit Ärmeln, eine an den Oberschenkeln aufgebauschte Kniebundhose, die mit grünen Seidenbändern verziert ist, sowie einen Gürtel und Schuhe – insgesamt im Wert von 25 Livres.

Detail aus: Israël Silvestre/Pierre Lepautre/François Chauveau: Les Plaisirs de l’île enchantée, ou les fêtes, et divertissements du Roi, à Versailles. Kupferstichgravuren [n.p.], ca. 1679. ÖNB Digital/Österreichische Nationalbibliothek, Sub tab.241 ALT PRUNK (https://data.onb.ac.at/rep/1319191D).
Detail aus: Recueils des Menus Plaisirs du roi. Archives nationales, CP/O/1/3239 (http://www2.culture.gouv.fr/Wave/image/archim/MP/FRDAFAN08_SCEK000343_2.jpg).
Detail aus: Jeremias Wachsmuth: La Princesse d’Élide, Premier Intermède, Akt 1 Sz. 2. Bayerisches Nationalmuseum, 47/21.1463 (https://www.bayerisches-nationalmuseum.de/en/collection/00089811).
Detail aus: Martin Engelbrecht: [Princesse d’Élide]. gallica.bnf.fr/Bibliothèque nationale de France, Département Arts du spectacle 4-ICO PER-18549 (1-4) https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8436359d/f284.item.r=4-ICO%20PER-18549%20(1-4)).

Kontakt

Alisa Winkens

 

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

 
  • VERS.AI.LLES-Talents ist ein Projekt der School for Talents an der Universität Stuttgart, die durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder gefördert wird. 
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