I. Versailles avant Versailles: Die Entstehung von Versailles als Schauplatz der königlichen Macht
Seit knapp 50 Jahren ist Schloss Versailles eine UNESCO-Weltkulturerbestätte und wird jährlich von vielen Millionen Menschen besucht, die von dem besonderen Reiz, den diese ehemalige royale Residenz ausstrahlt, begeistert sind. Das Schloss und der Garten von Versailles sind heute ein Museum – doch wann entstand Versailles als Regierungssitz und inwiefern war Versailles bereits davor Schauplatz der königlichen Macht?
Der Ursprung von Schloss Versailles
Die früheste Erwähnung von Versailles lässt sich bereits auf das Jahr 1075 datieren. Es handelt sich dabei um den Namen einer noblen Familie, deren Spur sich jedoch im Lauf des 15. Jahrhunderts verliert. Der heutige Ort Versailles, westlich von Paris gelegen, wurde schon unter dem französischen König Henri IV häufig für die Jagd besucht. Es ist jedoch erst sein Sohn, Louis XIII, der – die einfache Unterbringung bei Jagdausflügen leid – ab 1623 ein bescheidenes Haus auf einer Anhöhe errichten und später auch erweitern lässt, das als Jagdpavillon für den König und seine Partner vorgesehen war. Louis XIV, der Versailles um 1651 im Rahmen einer Jagd das erste Mal besucht, beschließt nach dem Tod Mazarins 1661 erste Modernisierungsmaßnahmen.
Versailles im 17. Jahrhundert: Transformierung und Erweiterung
Die Arbeiten unter Louis XIV bewirken innerhalb kurzer Zeit große Veränderungen und den fortschreitenden Ausbau von Versailles: Durch den Architekten Louis Le Vau lässt Louis XIV den von seinem Vater errichteten Gebäudekern zu einer Residenz erweitern. Insbesondere der Garten wird durch die Anlagen von André Le Nôtre grundlegend transformiert. Bereits Pierre Patels Gemälde von 1668 lässt nach den ersten beiden Umbauphasen unter Louis XIV die auch heute noch in Teilen sichtbare Grundstruktur des Gartens erkennen.
Versailles als Schauplatz der königlichen Macht
Bis zur offiziellen Verlagerung des Regierungssitzes unter Louis XIV vom Louvre nach Versailles im Jahr 1682 bleibt Versailles in erster Linie Schauplatz der königlichen Macht. Denn die Transformierungs- und Erweiterungsmaßnahmen haben zum Ziel, Versailles nicht nur als Ort des königlichen Vergnügens zu festigen, sondern insbesondere die Königsherrschaft in Szene zu setzen, die Macht des Königs also im Sinne eines Schauplatzes zu zeigen:
Es ist ein Schloss, das man einen verzauberten Palast nennen kann, so gut haben die Feinheiten der Kunst die Sorgfalt gestützt, die die Natur ergriffen hat, um ihn zu perfektionieren: Er bezaubert in jeder Hinsicht, alles lacht dort außen und innen, das Gold und der Marmor wetteifern dort in Schönheit und Glanz: Und obwohl er nicht diese große Ausdehnung besitzt, die sich in einigen anderen Palästen Seiner Majestät zeigt: Alle Dinge sind dort so fein, so gut abgestimmt und so vollendet, dass es ihm nichts gleichtun kann.
C’est un Château qu‘on peut nommer un Palais Enchanté, tant les ajustements de l’art ont bien secondé les soins que la Nature a pris pour le rendre parfait: Il charme en toutes manières, tout y rit dehors et dedans, l’or et le marbre y disputent de beauté et d’éclat: Et quoiqu’il n’ait pas cette grande étendue qui se remarque en quelques autres Palais de Sa Majesté: Toutes choses y sont si polies, si bien entendues et si achevées, que rien ne le peut égaler.
Ballard in Forestier (Hg.): Les Plaisirs de l’Isle enchantée, S. 521.
Das Schloss steht hier metonymisch für die königliche Würde – das heißt, dass all seine hier exemplarisch genannten pracht- und schmuckvollen Elemente stellvertretend als einzelne Teile für ein Gesamtbild stehen, das sich daraus zugleich von diesem bewundernswerten Ort ergibt. Durch Übertreibungen wird die Unerreichbarkeit und Unvergleichlichkeit betont, wobei nicht die Flächengröße im engen Sinn, sondern vielmehr die Kunstfertigkeit zur Vollkommenheit führt.
II. Das erste Fest des Königs: Versailles als aktiver Schauplatz der königlichen Macht
Besonders deutlich wird dies im Zuge der drei Hoffeste, die 1664, 1668 und 1674 in Versailles stattfinden: Schloss- und Gartenanlagen sind hierbei nicht nur idealisierte Kulisse, sondern tragen zugleich aktiv zur panegyrischen, also lobenden und königsverherrlichenden Wirkung bei, indem sie mit den erreichten baulichen Transformationen und der prunkvollen Ausgestaltung die Magnifizenz des Ortes und damit den Reichtum und die Macht des Königs zur Schau stellen. Das Fest der Plaisirs de l’île enchantée von 1664 bildet die erste große und festliche Präsentation der drei Jahre zuvor begonnenen Umbauarbeiten unter Louis XIV.
Organisation und Ziele der "Plaisirs de l’île enchantée"
Eine Unmenge an Leuten, die benötigt werden für den Tanz und die Komödie, und an Handwerkern aller Art aus Paris: so dass es einer kleinen Armee ähnlich erschien.
Une infinité de gens nécessaires à la Danse et à la Comédie, et d’Artisans de toutes sortes venus de Paris: si bien que cela paraissait une petite armée.
Ballard in Forestier (Hg.): Les Plaisirs de l’Isle enchantée, S. 521.
Wie das Zitat aus dem offiziellen Festbericht hyperbolisch zeigt, wird die zur Vorbereitung und Durchführung des Fests notwendige, nicht in Zahlen ausdrückbare Menge an Künstlern und Arbeitern metaphorisch als Armee beschrieben. Damit werden der enorme organisatorische Aufwand und die Vielzahl an Akteuren betont, die nach strikten Vorgaben und mit militärischer Präzision die erfolgreiche Durchführung des Festaktes gewährleisten. In Anbetracht der vielen Gäste, die vom 5. bis zum 14. Mai 1664 in Versailles für die Teilnahme an den Festlichkeiten logieren, scheint dies notwendig und angemessen zu sein.
Es war an diesem schönen Ort, wohin sich der gesamte Hof am fünften Mai begab, dass der König über sechshundert Personen bewirtete.
Ce fut en ce beau lieu, où toute la Cour se rendit le cinquième de Mai, que le Roi traita plus de six cents personnes jusques au quatorzième.
Ballard in Forestier (Hg.): Les Plaisirs de l’Isle enchantée, S. 521.
Die Hauptverantwortung der Festdurchführung verteilt sich auf drei zentrale Akteure, die bereits mehrere Monate im Voraus mit der Organisation beschäftigt waren:
- Dem Duc de Saint-Aignan obliegt als „Premier Gentilhomme de la Chambre du Roi“ die Gestaltung des Rahmenthemas. Indem er die verschiedenen Programmpunkte des mehrtägigen Festes in eine Handlung eingliedert, die an zwei Gesänge (Canto VI und Canto VII) aus Ariosts Orlando Furioso angelehnt ist, gelingt ihm ein thematischer roter Faden und die Verbindung der einzelnen Festtage: Rogers Ritter und er selbst (hier verkörpert durch Louis XIV) werden von der schönen und weisen Magierin Alcine in ihrem Palast gefangen gehalten, bis die Befreiung durch die Zerstörung des Zaubers, der verwunschenen Insel und ihres Palastes gelingt.
[D]er Herzog von S. Aignan, anerkannt als einer der schönsten Geister des Hofes, hatte diese Vergnügungen in eine so angenehme Geschichte gehüllt, wie diese Magierin sich der Turniere, Festessen, Komödie und Musik sowie die Macht ihrer Dämonen bediente, um ihre Liebhaber besser in ihren Bann zu ziehen, sie [die Vergnügungen] bestanden aus einem Ringstechen für den ersten Tag, einer Komödie für den zweiten, und einem Ballett für den dritten, mit Festessen, Konzerten, und allem was sie dem galantesten und dem prunkvollsten Hof des Universums würdig werden ließ.
[L]e Duc de S. Aignan, reconnu pour l’un des plus beaux Esprits de la Cour, ayant enveloppé ces Divertissements, d’une si agréable Fable, comme cette Magicienne se servait des Tournois, des Festins, de la Comédie, et de la Musique, aussi bien que du pouvoir de ses Démons, pour mieux captiver ses Amants, ils [les Divertissements] furent composés d’une Course de Bague pour la première Journée, d’une Comédie pour la seconde, et d’un Ballet pour la 3, avec Festins, Concerts, et tout ce qui était capable de les rendre dignes de la plus galante, et de la plus pompeuse Cour de l’Univers.
Gazette, no 60, 21 mai 1664, S. 482.
- Carlo Vigarani wird als (Theater-)Architekt mit der Koordination der Dekoration und der Festbauten betraut, wozu auch die Organisation der Baumaterialien aus Paris gehört.
- André Le Nôtre ist für die Planung der Gartenraumgestaltung zuständig.
Der Festablauf von 1664: Eine zeitliche und räumliche Progression
Die Plaisirs de l’île enchantée finden vom 7.-9. Mai 1664 an drei Haupt-Festtagen statt, gefolgt von weiteren inoffiziellen Programmpunkten, die bis zum 13. Mai andauern. Schauplatz des Festes ist die Hauptallee des Gartens von Versailles: Die sogenannte Allée royale führt in einer geraden Linie abfallend vom Schloss hinunter zum Bassin des Cygnes, dem heutigen Apollon-Becken, und teilt den Garten als Ost-West-Achse symmetrisch. Jeder der drei Festtage findet an einem anderen Ort auf dieser zentralen Allee statt – mit dem zeitlichen Voranschreiten innerhalb des Festprogramms geht also auch eine räumliche Progression einher, indem sich jeder Festtag immer weiter vom Schloss entfernt und kontinuierlich der Insel der Magierin Alcine annähert, deren schwimmender Palast auf dem Apollon-Becken errichtet wurde.
TAG 1: 7. Mai 1664
Den Auftakt bildet ein höfisches Turnier am Abend des ersten Festtages, dessen Schauplatz eine große Kreuzung auf der Allée royale bildet. Einige Quellen besagen, dass dort ein Wasserbecken stand, welches extra für das Fest aufgeschüttet wird – jedoch ist in den zeitgenössischen Gartenplänen kein entsprechendes Becken belegt. In jedem Fall bietet die Kreuzung ausreichend Platz für Pferde und Reiter sowie für die Musikanten und TänzerInnen, die den festlichen Einzug sowie das Turnier und das anschließende Festmahl mit Konzerten und Ballettaufführungen umrahmen. Sieger des Turniers ist der Marquis de la Vallière, der ein mit Diamanten besetztes Schwert erhält.
Man servierte ein prächtiges Festmahl aus mehr als 40 Behälter mit Fleisch, und ebenso vielen Pyramiden [aus Früchten].
On servit un superbe Festin de plus de 40 Bassins de viande, & d’autant de Pyramides [de fruit].
Renaudot: Gazette, no 56, 10 mai 1664, S. 456.
Das Festmahl findet am selben Schauplatz an einer über 20 Meter langen Tafel statt, wobei der Festplatz nun von unzähligen Kerzen beleuchtet wird. Untermalt von Musik und Tanz werden Unmengen an Fleisch und Früchten serviert, womit bereits am ersten Festabend die hyperbolische Anlage dieses außergewöhnlichen Divertissements deutlich wird.
TAG 2: 8. Mai 1664
Am nächsten Tag, nachdem die gesamte Dekoration verändert worden war, sah man hinter dem gegenüberliegenden Portal einen sehr großen [Theater-]Saal.
Le lendemain, toute la Décoration ayant été changée, on aperçut au-delà du Portique qui était en face, une très grande Salle [de Théâtre].
Gazette, no 60, 21 mai 1664, S. 491f.
An einem der Torbogen, die die Alleenkreuzung des ersten Festtages umrahmen, scheint am Vortag noch ein Vorhang befestigt gewesen zu sein, der den Durchgang auf die restliche Allée royale in Blickrichtung des Bassin des Cygnes versperrte. Dieser verdeckende Vorhang wird am zweiten Festtag entfernt, sodass der Blick auf ein eigens für diesen Tag errichtetes, dahinter liegendes Gartentheater freigegeben wird.
[I]l y eut pour la seconde Journée, Comédie Française, entremêlée de Concerts, de Récits, & d’Entrées de Ballet.
Renaudot: Gazette, no 56, 10 mai 1664, S. 456.
[E]s gab am zweiten Tag eine französische Komödie, vermischt mit Konzerten, Erzählungen und Balletteinlagen.
Hier führt Molières Theatertruppe um 20:00 Uhr die Ballettkomödie La Princesse d’Élide auf – ein Werk, das Theater, Tanz, Musik und weitere Bühnenkünste in fünf Akten verbindet. Es ist die erste Ballettkomödie, die Molière für und im Auftrag von Louis XIV konzipiert und am Hof im Rahmen eines Festes präsentiert.
Das Werk bildet somit den Höhepunkt und zugleich den Abschluss des zweiten Festtages (8. Mai 1664) der Plaisirs de l’île enchantée – die Angabe des 6. Mai 1664 im Theaterregister von La Grange, einem wichtigen Dokument über Molières Theatertruppe, ist hierbei als falsch zu bewerten, da die anderen Quellen übereinstimmend den 8. Mai als zweiten Festtag angeben:
Die Truppe ist auf Order des Königs am letzten dieses Monats nach Versailles aufgebrochen, und hielt sich dort bis zum 22. Mai auf. Man hat dort während drei Tagen die Plaisirs de l’île enchantée präsentiert, von denen La Princesse d’Élide einen Tag bildete (das war der 6. Mai) – Sodann Les Fâcheux, Le Mariage forcé [Theaterstücke von Molière] – und drei Akte des Tartuffe, die die ersten waren.
TAG 3: 9. Mai 1664
Das Programm des dritten und letzten offiziellen Festtages spielt sich auf dem Bassin des Cygnes am westlichen Ende der Allée royale ab: Der auf dem Wasserbecken errichtete, schwimmende Palast der Magierin Alcine stellt die Kulisse für das Ballett dar. Der tatsächliche Palast des Königs liegt somit auf einer Achse mit dem verzauberten Palast der Magierin, was als spiegelsymmetrischer Dualismus zwischen Gut und Böse aufgefasst werden kann: Am Ende siegt der König, indem der Palast der Zauberin zerstört wird.
Am folgenden Tag hatte der Hof das Vergnügen eines Balletts, das im Palast der Alcine um zehn Uhr abends aufgeführt wurde.
Le jour suivant la Cour eut le plaisir d’un Ballet, qui se fit dans le Palais d’Alcine, sur les dix heures du soir.
Marigny: Relation des divertissemens, S. 44.
Die Darbietung beginnt erst am späten Abend mit einem Konzert, bevor Maschinen in Form von Walfiguren, beziehungsweise Meeresungeheuern die Magierin Alcine durch das Wasser befördern und die Türen des schwimmenden Inselpalasts geöffnet werden:
[L]e Frontispice du Palais venant à s’ouvrir avec un merveilleux artifice.
Ballard in Forestier (Hg.): Les Plaisirs de l’Isle enchantée, S. 592; vgl. Benserade: Les plaisirs de l'isle enchantée, S. 7.
Das Frontispiz des Palastes, das sich mit einem wunderbaren Kunstgriff öffnet.
Es folgt eine Ballettaufführung und ein inszenierter Kampf mit Riesen, Zwergen, Rittern und weiteren Ungeheuern, bevor die Magierin besiegt ist und die gesamte Zauberinsel mittels Feuer zerstört wird:
Alcine konnte sich seinem Gefolge nicht widersetzen: und aus Verzweiflung zündete sie ihren Palast an, mit einer Fackel, sodass er mitsamt allen Lichtern verschwand. Sofort konnte man an seiner Stelle ein Feuerwerk entdecken.
[Alcine] ne put s’opposer à sa suite: et de désespoir, elle mit le feu à son Palais, avec un flambeau, de manière qu’il disparût incontinent, avec toutes les lumières. Aussitôt, on découvrit en sa place, un Feu d’artifice.
Gazette, no 60, 21 mai 1664, S. 496.
Das große Finale der Plaisirs de l’île enchantée bildet somit ein spektakuläres Feuerwerk, mit welchem die Kulissen auf dem Wasser abgebrannt werden – ein Spektakel, das die Festgesellschaft sowohl visuell als auch akustisch beeindruckt:
On finit toutes ces délices Par des Feux, par des artifices Allumez sur de claires eaux, Si radieux et si nouveaux, Que si les bruits sont véritables On n'en vit jamais de semblables.
Loret: La muse historique, S. 197.
Man beendet all diese Genüsse / Mit Feuern, mit Kunststücken / Die auf klaren Gewässern entzündet sind, / So strahlend und so neuartig, / Dass, wenn die Gerüchte wahr sind, / Man niemals etwas Vergleichbares sehen wird.
Insgesamt bildet der dritte Festtag damit einen würdigen Abschluss, der sich nicht nur im Sinne der zeitlichen und räumlichen Progression in die Klimax der beiden vorherigen Tage dieses Hoffestes einreiht, sondern auch durch die überwältigenden und kaum im Rahmen der vernünftigen Wahrscheinlichkeit zu fassenden Spektakel den Höhepunkt des Fests darstellt. Es gehört eher in die Kategorie einer Ästhetik des Wunderbaren:
Aber was am 3. [Tag] geschah, kann nur durch Vorstellungen jenseits des Wahrscheinlichen ausgedrückt werden und es war also auch so, dass die Zuschauenden sich auf einer verzauberten Insel glaubten.
Mais ce qui se passa en la 3 [journée], ne se peut exprimer que par des Idées au delà du vraisemblable et ce fut alors, aussi, que les Spectateurs crurent être en une Île enchantée.
Gazette, no 60, 21 mai 1664, S. 492.
III. Das Gartentheater von 1664: Ein Schauplatz im Schauplatz
Die drei Festtage der Plaisirs de l’île enchantée verdeutlichen somit, inwiefern Versailles als Schauplatz der königlichen Macht, das heißt als Ort der Selbstinszenierung von Louis XIV verstanden werden muss. In diesem Schauplatz des Königs befindet sich der Theater-Schauplatz im engen Sinne, nämlich die Gartenbühne des zweiten Festtages, auf der Molière sein Werk La Princesse d’Élide uraufführt. In einem Brief vom 16. Mai 1664 von Carlo Vigarani wird deutlich, dass dieses Theater extra für diesen Zweck errichtet wurde:
Am zweiten Tag fand am selben Ort die Aufführung einer Komödie mit Ballett und Musik in einem eigens dafür errichteten Theater statt.
La seconda giornata è stata nel medmo luogo la rappresentatione d'una comedia con balletti e musica intrecciata sopra un theatro fatto a posta.
Vigarani in Rouchès (Hg.): 16. Mai 1664, S. 91.
Wie auch bei späteren Gartentheatern, die im Rahmen der Versailler Hoffeste 1668 und 1674 errichtet werden, handelt es sich hier um ein ephemeres Theater – eine Art vergängliche „Einwegbühne“, die kein festes Theaterhaus ist und nicht auf Dauer angelegt ist. Vielmehr besteht es aus einer verhältnismäßig einfach zu errichtenden Holzkonstruktion, die lediglich ihren einmaligen Zweck im Zuge des Festes erfüllt und anschließend wieder abgebaut wird – in diesem Fall sicher auch deshalb, weil das Theater vermutlich die gesamte Breite der Allée royale einnahm und damit den Hauptweg des Gartens blockierte. Dadurch hinterlässt es keine bleibenden physischen Spuren, weshalb die genaue Verortung im Garten eine Herausforderung darstellt.
Die Verortung des ephemeren Theaters im Garten: Quellenlage
Der Text von Marigny lokalisiert die Festtage und damit auch den Ort des Gartentheaters von 1664 als einzige Quelle etwas präziser:
Man gelangt über die große Allee, die sich am Ende des Parterres befindet, in ein sehr geräumiges Rondell, durchschnitten von einer anderen Allee derselben Breite; dieser Ort, der fünf- oder sechshundert Schritt vom Schloss entfernt ist, wurde als geeignetster gewählt um die ersten Vergnügungen des verzauberten Palastes von Alcine zu präsentieren. [S. 10] […] Man hatte ein großes Theater ungefähr hundert Schritte unter dem Rondell errichtet, wo die Ritter den Ring geritten waren.
L’on arrive par la grande Allée, qui est au bout du Parterre, dans un rond fort spacieux, coupé par une autre Allée de même largeur; ce lieu qui est à cinq ou six cents pas du Château, fut choisi pour le plus propre à faire paraître les premiers divertissements du Palais enchanté d’Alcine [S. 10]. […] L’on avait dressé un grand Théâtre environ cent pas au dessous du Rond où les Chevaliers avaient couru la Bague.
Marigny: Relation des divertissemens, S. 27.
Den Ausgangspunkt dieser Beschreibung bildet also das Schloss: Davon ausgehend gelangen die Gäste nach einer Entfernung von 500 bis 600 Schritten zur Alleekreuzung, auf der sich der erste Festtag abspielt. Weitere 100 Schritte unterhalb, d.h. in Richtung Westen und in direkter Linie zum Bassin des Cygnes, befindet sich laut Marigny das Gartentheater.
Die erste Alleekreuzung ist auf den historischen Karten noch klar erkennbar, weshalb der exakte Laufweg, aus dem sich die Entfernung von 500 bis 600 Schritten zusammensetzt, eher nachrangig ist. Für die Lokalisierung der Gartenbühne gibt es jedoch – außer der Angabe der 100 Schritte unterhalb – keinen besonderen Anhaltspunkt, der die Verortung vereinfacht. Hinzu kommt, dass zwei Passagen in der Gazette der Entfernungsangabe von Marigny zu widersprechen scheinen:
Le lendemain, cette charmante Compagnie eut au même endroit, le divertissement d’une Comédie Française.
Gazette, no 59, 17 mai 1664, S. 479.
Am nächsten Tag hatte diese reizende Gesellschaft am selben Ort das Vergnügen einer französischen Komödie.
Am nächsten Tag, nachdem die gesamte Dekoration verändert worden war, sah man hinter dem gegenüberliegenden Portal einen sehr großen [Theater-]Saal.
Le lendemain, toute la Décoration ayant [page 492] été changée, on aperçut au-delà du Portique qui était en face, une très grande Salle [de Théâtre].
Gazette, no 60, 21 mai 1664, S. 492.
Die Zitate werfen zum einen die Frage auf, ob das Gartentheater nicht doch am exakt selben Ort des ersten Festtags stand – oder ob der genannte identische Platz eher im Sinne des Schauplatzes Versailles verstanden werden muss. Zum anderen lässt sich hieran die Annahme ableiten, dass das Gartentheater durch einen der Torbogen hindurch vom ersten Festplatz aus sichtbar wird, was ein Kupferstich zu belegen scheint:
Dieser Kupferstich zeigt die Kreuzung des ersten Festtages auf der Hauptallee mit Blick Richtung Bassin des Cygnes. Darauf sind im Zentrum zwei hintereinander liegende Torbogen, die sogenannten Portiques zu sehen. Der hintere Bogen würde demnach bereits zum Theater des zweiten Festtags gehören, jedoch zugleich die Annahme widerlegen, dass der Bogen am ersten Festtag durch einen Vorhang verdeckt wurde. Wie weit der zweite Bogen vom ersten Bogen entfernt ist, lässt sich durch den Kupferstich nicht beurteilen.
Die Problematik historischer Karten und Maßeinheiten
Für einen Lösungsansatz gilt es, Marignys Maßangaben genauer zu betrachten: Zur Zeit von Louis XIV existierten keine länderübergreifenden, einheitlichen Maßeinheiten, doch als Einheit für Längenmaße am Hof war der Fuß des Königs üblich – also die Angabe in sogenannten Pieds de roi, bei denen ein Pied in heutige 32,4839 cm umgerechnet werden kann.
Zweieinhalb Pieds de roi ergeben wiederum einen Schritt, einen Pas commun bzw. Pas ordinaire, der hier als Maß für die in Marignys Text angegebenen Schritte angemessener erscheint als der Pas militaire, der hauptsächlich im militärischen Kontext verwendet wurde und etwas verkürzt ist (ein Pas militaire entspräche nur zwei Pieds de roi). Es ergibt sich also folgende Umrechnung: 1 Pas commun≙ 2,5 Pieds de roi ≙ 81,21 cm.
Marignys 500-600 Schritte bis zum ersten Festplatz entsprechen demnach 400-500 m, die weiteren 100 Schritte bis zum Theater umfassen dann 81,21 m.
Versucht man nun, diese Entfernungen im Vergleich zwischen historischem Kartenmaterial und heutigen Satellitenaufnahmen zu verorten, stößt man auf neue Herausforderungen: Im Zeitraum 1661 bis 1668 fanden die ersten umfangreichen Umbaumaßnahmen des Versailler Gartens statt, die neben der Ausgestaltung des Gartens auch die Verbreiterung und Verlagerung von Wegen umfassten – so ist beispielsweise bekannt, dass die Allée royale bereits 1667 deutlich verbreitert wurde.
Derartige Veränderungen lassen sich meist jedoch nur schwierig exakt auf historischen Plänen erkennen, da oftmals das Datum der Karte – sofern überhaupt eines bekannt ist – nicht unbedingt mit dem tatsächlichen Entstehungszeitraum übereinstimmen muss oder die Karten schlicht sehr ungenau sind, weil sie auch andere Zwecke erfüllten. Denn häufig nahmen die Pläne weniger die Funktion einer genauen Karte ein, sondern dienten eher der Präsentation der neuen Errungenschaften und Bauarbeiten des Königs. Das erklärt auch, warum der Versuch einer einheitlichen Skalierung für den Vergleich des historischen Materials anhand des Bassin des Cygnes (dem heutigen Apollon-Becken), das seit 1662 eine Konstante während der Umbauten darstellt, nicht funktionieren kann. Insgesamt scheinen die Karten von 1663 und 1664, die also ungefähr den Stand des Gartens um den Zeitraum der Plaisirs de l’île enchantée zeigen, für ein Verständnis der Festtagslokalisierung geeignet:
Wir halten fest, dass der erste Festtag also an der Kreuzung stattfand, die heute knapp 500 m Luftlinie vom Schloss entfernt liegt, während sich das Theater ungefähr auf der Höhe des aktuellen Eingangs zum Bosquet des Dômes verorten lässt. Marignys Entfernungsangabe für den ersten Festtag lässt sich dank der Lage auf einer Kreuzung einordnen, mit dem historischen Kartenmaterial sowie den heutigen Gegebenheiten abgleichen und damit die Umrechnung der historischen Schrittmaße in Meter überprüfen: Denn die Lage der Kreuzung blieb – wie der Vergleich der Gartenpläne über die Jahrhunderte hinweg zeigt – unverändert, und Marignys Angaben stimmen umgerechnet mit der heute in Metern nachmessbaren Entfernung von 490 m zwischen Schloss und Kreuzung überein. Diese Überprüfung zeigt, dass Marignys Schrittangaben durchaus als verlässlich einzustufen sind, sodass der zweite Festtag auch ohne visuellen Anhaltspunkt (wie etwa eine Kreuzung) lokalisiert werden kann. Das Theater befand sich demnach 81 m unterhalb der Kreuzung, wo im heutigen Garten der Eingang des Bosquet des Dômes abzweigt, dessen Konstruktion erst 1675 unter dem Namen Bosquet de la Renommée begann. Da diese Stelle zudem recht genau in der Mitte zwischen Tag 1 (Kreuzung) und Tag 3 (Bassin des Cygnes) liegt und damit dem höfischen Ideal von Symmetrie entspricht, ist diese Verortung sehr wahrscheinlich.
Alisa Winkens
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
- VERS.AI.LLES-Talents ist ein Projekt der School for Talents an der Universität Stuttgart, die durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder gefördert wird.