I. Musik und Theater im 17. Jahrhundert: Interdisziplinarität und Innovation
Das französische Theater durchläuft im 17. Jahrhundert eine grundlegende Transformation: Während vor allem Wandertheatertruppen zu Beginn des Jahrhunderts die Theaterlandschaft prägen, wird das Theater im Lauf der folgenden Jahrzehnte institutionalisiert und entwickelt sich zu einem der zentralen Medien der Kulturpolitik von Louis XIV: Akademien werden gegründet, Theaterhäuser werden gebaut, der Stand der Schauspielenden in der Gesellschaft verbessert sich und die nach wie vor vorhandene Kritik der katholischen Kirche gegen das Theater und die Schauspielenden verliert an Wirkmacht. Schließlich wird nach Molières Tod die Comédie-Française gegründet, das bis heute bestehende Nationaltheater Frankreichs.
Das Musiktheater des 17. Jahrhunderts
Diese fundamentale Entwicklung des Theaters im 17. Jahrhundert in Frankreich bedingt zugleich ein produktives Auseinandersetzen mit seiner Medialität. Dadurch entsteht eine Vielzahl theatraler Formen, die nicht allein aus Schauspiel bestehen und im engen Sinn als (Sprech-)Theater zu verstehen sind, sondern verschiedene Kunstdisziplinen vereinen und in unterschiedlichen Dispositionen und Gewichtungen tanz- und/oder musik-theatrale Aufführungen entstehen lassen. Ausgehend von bereits bekannten Gattungen wie dem partizipativen Ballet de cour (Hofballett) zeigt sich die Entstehung innovativer und interdisziplinärer Formen des Theaters beispielsweise in Molières Kreation der Comédie-ballet (Ballettkomödie) oder der Beliebtheit des Maschinentheaters – einer Theaterform, die besonders auf spektakuläre Effekte in Kombination mit Schauspiel, Musik und meist auch Tanz setzt. Zudem wird die französische Oper 1669 mit der Académie d'opéra, beziehungsweise der Académie royale de musique offiziell gegründet, löst aber zugleich Formen wie die Ballettkomödie oder das Hofballett tendenziell ab.
Am Ende des 17. Jahrhunderts entstehen außerdem Jean-Baptiste Lullys Tragédie en musique (etwa: Tragödie in Musik), die auch Tragédie lyrique oder Tragédie-ballet genannt wird, und der daraus abgeleitete und konkurrierende Opéra-ballet (Ballettoper), bei dem Tanz und Musik gleichermaßen wichtig sind. Insgesamt zeigt die Vielfalt dieser zum Teil ganz neu entstehenden theatralen Formen die Experimentierfreudigkeit und Varianz in Bezug auf die verschiedenen integrierten Kunstdisziplinen.
Musik am Hof des Sonnenkönigs
Die Grundvoraussetzung für diese Herausbildung der verschiedenen musiktheatralen Formen besteht in der Tatsache, dass das Musizieren als eine noble Vergnügung, ein Divertissement in der (höfischen) Gesellschaft des 17. Jahrhunderts angesehen war. Louis XIV musiziert selbst, fördert die Künste über ein umfassendes Mäzenatentum und verfügt über drei verschiedene Hofmusikgruppen, die teilweise auch miteinander zur Unterstützung und Verstärkung interagieren:
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LA CHAPELLE Zuständig für überwiegend geistliche Musik. |
L’ÉCURIE Insbesondere beteiligt an festlichen, repräsentativen Anlässen im Freien, etwa mit Trompeten und Pauken. |
LA CHAMBRE Nimmt eine besondere Zwischenstellung ein: Sie tritt nur zu besonderen Anlässen am Hof zusammen und ist nicht dauerhaft am Hof verortet. |
Besonders bekannt sind die sogenannten Vingt-quatre Violons du Roi, auch Grande Bande genannt, die Teil der Chambre sind. Hierbei handelt es sich um das erste fest organisierte Orchester der Musikgeschichte – ein Streicherensemble, das durch Flöten, Gitarren, Lauten und ein Cembalo ergänzt und bei besonderen Anlässen um Trompeten, Oboen und Fagotte aus der Écurie erweitert werden kann.
Den Höhepunkt erleben die Vingt-quatre Violons du Roi unter der Leitung von Jean-Baptiste Lully, der ab 1653 die Direktion übernimmt und selbst als Surintendant, Komponist, Geiger und Tänzer tätig ist. Diese Anhäufung von Ämtern erklärt, warum er die Musik am Hof von Louis XIV so stark dominieren konnte, da er neben der Auswahl der Werke auch für die Organisation der Konzert- und Probenarbeit zuständig ist.
Molière und die Musik
Für das Theater ist besonders die Zusammenarbeit Lullys mit Molière von zentraler Bedeutung. Molières Truppe engagierte zwar bereits sehr früh eigene Musikanten, seine Komödien zeigen jene produktive Auseinandersetzung mit verschiedenen Darstellungsformen jedoch besonders deutlich in der Zeit, in der er mit Lully kooperiert. Dabei entsteht eine Theaterform, die auf sehr spezifische Weise in die Komödien jeweils Musik, Tanz und weitere performative Kunstformen in verschiedenen Konstellationen derart integriert, dass ein einziges, in sich schlüssiges Theaterstück entsteht. Mit dem Blick auf die Musik finden sich etwa in La Princesse d’Élide zahlreiche Szenen, die zwar in die Zwischenspiele (sogenannte Intermèdes) ausgelagert sind, jedoch auch aus den Akten bekannte Figuren und ProtagonistInnen zeigen und zugleich Vermittlungsträger der Handlung sind.
Musikalische Szenen in La Princesse d’Élide:
II. Produktionsbedingungen im ephemeren Gartentheater: Besetzung, Instrumentierung und Spielbedingungen
Das Gartentheater, in dem La Princesse d’Élide während des Hoffestes von 1664 aufgeführt wird, ist eine ephemere Theaterkonstruktion – das heißt, dass der Bau nur für eine einzige Aufführung errichtet wurde. Zugleich bedingt dies, dass auch die Produktions- und Rezeptionsbedingungen der Aufführung an den gegebenen materiellen Rahmen geknüpft sind.
Instrumentierung und Besetzung
In den Berichten zum Versailler Hoffest von 1664 wird auf die Musik meist wenig präzise eingegangen:
Sobald man den Vorhang weggezogen hatte, ertönte ein großes Konzert von mehreren Instrumenten.
Aussitôt qu’on eut tiré la toile un grand Concert de plusieurs Instruments se fit entendre.
Ballard in Forestier (Hg.): Les Plaisirs de l’Isle enchantée, S. 536.
Eine der Begleitschriften, nämlich der Livret von Isaac de Benserade, gibt aber durch eine Auflistung eine detaillierte Auskunft über die an der Aufführung von Molières Ballettkomödie La Princesse d’Élide am zweiten Festabend beteiligten Schauspielenden, TänzerInnen, SängerInnen und Musiker. Bei den drei zuletzt in der Liste genannten Gruppierungen ist davon auszugehen, dass sie das Orchester bilden, das direkt vor der Bühne hinter einer Holzverkleidung in einem provisorischen Orchestergraben sitzt – denn es sind die einzigen Personen in der Liste für den zweiten Festtag, denen keine Rollennamen oder Kostümhinweise zugeordnet sind, sondern lediglich Instrumente.
Bei den Grands Violons und Petits Violons handelt es sich um insgesamt exakt 30 Violons, die ergänzt werden durch die Generalbassstimme, hier als Concertans de l’Orchestre bezeichnet. Dieser Generalbass, im Französischen basse continue, lässt sich üblicherweise in zwei Gruppen einteilen: Fundamentinstrumente (Orgel, Cembalo) und Ornamentinstrumente (wie etwa: Laute, Theorbe, Harfe, Lirone, Zitter, Spinett, Gitarre, Cello). Anhand der Namensliste kann die genaue Besetzung der basse continue ermittelt werden:
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Jean Henry d’Anglebert |
Claveciniste du roi |
Cembalo |
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Étienne Richard |
Maître de clavecin du roi |
Cembalo |
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Léonard Itier |
Luthiste |
Laute |
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La Barre le cadet |
Luthiste |
Laute |
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Claude Tissu |
Luthiste |
Laute |
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Pierre Antoine Le Moine |
Violiste |
Viola da Gamba |
Instrumentenfamilien (wie hier abgebildet) sind im 17. Jahrhundert noch nicht standardisiert – das 1619 erschienene Syntagma Musicum von Praetorius ist eine der einzigen zeitgenössischen Quellen des historischen Musikinstrumentenbaus.
Bild eins zeigt verschiedene Lauten und Theorben, die Teil der sogenannten basse continue waren.
Auf dem zweiten Bild sind verschiedene Gamben und Streichinstrumente abgebildet.
Die Spielbedingungen im Orchestergraben
Die 36 Musiker im ebenerdigen Orchestergraben vor der Bühne sind auf dem Kupferstich in einer Reihe nebeneinander abgebildet – ohne erkennbaren Dirigenten und aufgrund der Stehhöhe der vor der Holzbrüstung stehenden Personen möglicherweise auf einem Podest sitzend. Vergleicht man den Kupferstich der Princesse d’Élide mit späteren Musiktheateraufführungen während des Hoffests von 1674, fallen (zumindest auf den Abbildungen) Unterschiede bei der Orchesteranordnung auf, deren Realitätsanspruch nicht nachprüfbar ist.
La Princesse d’Élide in einem Gartentheater in Versailles, 1664: Das Orchester in einer Reihe vor der Bühne:
Alceste in der Cour de Marbre in Versailles, 1674: Das Orchester in zwei Gruppenblöcken rechts und links vor der Bühne:
Le Malade imaginaire vor der Grotte de Thétis in Versailles, 1674: Das Orchester in mehreren Reihen vor der Bühne mit der Bühne zugewandtem Dirigenten, der in der Mitte steht:
Instrumente auf der Bühne
In den Namenslisten des Livrets von Isaac de Benserade finden sich nicht nur die Namen der im Orchestergraben sitzenden Musikanten: Darüber hinaus sind dort auch diejenigen Mitwirkenden benannt, die mit einer Rollenzuordnung singen oder tanzen. Besonders interessant für die musikalische Gestaltung der Aufführung sind hierbei zwei Gruppen – die insgesamt zehn Valets de Chiens und die Seize Faunes.
Die ersten vier Valets de Chiens (Betreuer der Jagdhunde) sind jene Figuren, die im ersten Zwischenspiel singen und mit einem von ihnen, Lyciscas, der von Molière selbst gespielt wird, einen Dialog führen, der das Bereitstehen für das königliche Vergnügen der Jagd thematisiert. Am Ende der Szene – nachdem Lyciscas endlich erwacht ist, kommen die restlichen sechs Valets de Chiens auf die Bühne:
Lycsicas hatte sich mit Mühe und Not erhoben und begann aus Leibeskräften zu schreien, als sich mehrere Jagdtrompeten und -hörner hören ließen und abgestimmt auf die Violinen die Melodie eines Entrées begannen, auf die sechs Betreuer der Jagdhunde mit großer Sorgfalt und Präzision tanzten; indem sie in bestimmten Kadenzen den Klang ihrer Hörner aufnahmen: Es waren die Herren Paysan, Chicanneau, Noblet, Pesan, Bonard, und La Pierre.
Lyciscas s’étant levé avec toutes les peines du monde, et s’étant mis à crier de toute sa force, plusieurs Cors et Trompes de Chasse se firent entendre, et concertées avec les Violons commencèrent l’air d’une entrée, sur laquelle six Valets de Chiens dansèrent avec beaucoup de justesse et disposition; reprenant à certaines cadences le son de leurs Cors et Trompes: C’étaient les Sieurs Paysan, Chicanneau, Noblet, Pesan, Bonard, et La Pierre.
Ballard in Forestier (Hg.): Les Plaisirs de l’Isle enchantée, S. 539.
Ein Name der Tänzer stimmt in diesem Livret von Ballard zwar nicht mit dem Livret von Benserade überein, jedoch sind es auch hier sechs tanzende Valets de Chiens, die – wie in der Beschreibung deutlich wird – nicht nur tanzen, sondern zugleich darauf abgestimmt fanfarenartig Horn spielen. Die Darsteller vereinen hier also eine tänzerische und eine musikalische Funktion, wie eine spätere Abbildung (vermutlich aus dem 18. Jahrhundert) zeigt:
Auch am Ende der Theateraufführung zeigen sich nochmals Instrumente auf der Bühne: In der Namensliste sind Seize Faunes genannt, also sechzehn Faune – mythologische Fabelwesen, die aus einem Menschenoberkörper und einem Ziegenunterkörper bestehen. Diese sechzehn Musizierenden sind acht Flötisten und acht Violinisten, die sich in der Baummaschine befinden:
Während diese liebenswürdigen Personen tanzten, kam unter dem Theater eine Maschine in Form eines großen Baumes hervor, der mit sechzehn Faunen besetzt war, von denen acht die Flöte und die anderen Violine spielten, mit dem angenehmsten Konzert der Welt. Dreißig Violinen antworteten ihnen aus dem Orchester, mit sechs anderen Konzertanten (Cembali und Theorben).
Pendant que ces aimables personnes dansaient, il sortit de dessous le Théâtre la machine d’un grand arbre chargé de seize Faunes, dont les huit jouèrent de la Flûte, et les autres du Violon, avec un concert le plus agréable du monde. Trente Violons leur répondaient de l’Orchestre, avec six autres concertants de Clavecins et de Théorbes.
Ballard in Forestier (Hg.): Les Plaisirs de l’Isle enchantée, S. 588.
Wie diese Schlussszene und auch die Jagdhornszene zu Beginn der Aufführung verdeutlichen, ist die Musik in La Princesse d’Élide nicht nur als Begleitung der Handlung im Orchester zu verorten. Sie ist vielmehr als aktiver Teil der Bühneninszenierung zu verstehen, da einige Instrumentalisten in ihrer Rolle mit einer entsprechenden Kostümierung (als Valets de Chiens oder als Faunen) auf der Bühne interagieren.
III. Rezeption der Musik im ephemeren Gartentheater: Das Beispiel der Ouverture
Während sich die theoretische Anlage der Musikproduktion im Gartentheater anhand der historischen Quellen nachvollziehen lässt, bleibt ein Rekonstruieren der Rezeptionsbedingungen schwierig. Da es sich um einen lediglich mit Stoffbahnen und Tuchpalisaden verkleideten Theaterraum im Garten handelt, der zudem starkem Wind ausgesetzt ist, bleibt davon auszugehen, dass die mangelnde Resonanz im Raum nur bedingt gute akustische Bedingungen für das Publikum lieferte.
Die Hyperbolik der Festberichte
Während das Orchester im Orchestergraben mit den 36 Instrumenten höchstwahrscheinlich einigermaßen zufriedenstellend zu hören war – insbesondere auf den Sitzbänken in Bühnennähe – ist die gute Hörbarkeit des Gesangs und vor allem das Verstehen des Textes tendenziell eher in Frage zu stellen. Denn Gesangsstimmen im 17. Jahrhundert waren weniger auf ihre Resonanzfähigkeit ausgebildet, sondern eher auf das feine Verzieren ausgerichtet. Die Festberichte schildern das musikalische Erleben jedoch folgendermaßen:
Das ganze Stück war durchmischt mit Tänzen und Konzerten, von den schönsten Stimmen der Welt […]. [D]ie Schönheit ihrer Stimmen und das Vergnügen, das man hatte, sie zu hören.
Toute la pièce était mêlée de Danses et de Concerts, des plus belles voix du monde […]. [L]a beauté de leurs voix, et du plaisir que l’on avait de les entendre.
Marigny: Relation des divertissemens, S. 37.
Ein Konzert, das das angenehmste der Welt ist.
[U]n concert le plus agréable du monde.
Ballard in Forestier (Hg.): Les Plaisirs de l’Isle enchantée, S. 588.
Außer, dass die Handlung galant war, wurde sie mit Entrées de Ballet, und von Flöten und von Violinen gemischt, so dass nichts angenehmer noch unterhaltsamer für diesen zweiten Tag hätte sein können.
Outre que l’intrigue en était galante, elle fut entremêlée d’Entrées de Ballet, et de Flûtes et de Violons, en sorte que rien ne pouvait être plus agréable, ni plus divertissant pour cette seconde journée.
Gazette, no 60, 21 mai 1664, S. 493.
[Der] Klang von tausend Instrumenten
[Le] son de mille Instruments
Marigny: Relation des divertissemens, S. 40.
Alle vier Textstellen zeigen deutlich, dass diese Berichte als Hyperbeln verstanden werden müssen: Durch Superlative und übertriebene Formulierungen wird die Außerordentlichkeit und Unvergleichlichkeit dieser Rezeptionserfahrung beschrieben, deren Schilderung hier also nicht wörtlich zu verstehen ist, sondern schlicht das bestmögliche Bild des Erlebens der Musik vermitteln will.
Ein Beispiel für das barocke Spiel: Die Ouverture
Die Theateraufführung von La Princesse d’Élide beginnt laut der historischen Partitur mit einer instrumentalen Ouverture. Diese ist identisch mit der Ouverture des ersten Festtags, sodass die Musik die beiden Tage miteinander verbindet und dadurch einen roten Faden zusätzlich zur Rahmenhandlung der Plaisirs de l’île enchantée generiert.
Kontakt
Alisa Winkens
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
- VERS.AI.LLES-Talents ist ein Projekt der School for Talents an der Universität Stuttgart, die durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder gefördert wird.