Forschung

Digital Humanities in Aktion

Diese Seite bietet eine exemplarische Auswahl von Projekten, an denen Mitarbeiter/innen und Studierende an der Abteilung Digital Humanities zurzeit arbeiten.

Vielfalt auf thematischer und methodischer Ebene

Welche Trends gibt es derzeit in der Forschungscommunity der Digital Humanities? Wie kann Wissenschaftskommunikation innerhalb und außerhalb der eigenen Forschungscommunity gelingen? Wie wird Diversität literarischer Figuren im Hinblick auf Gender konstruiert? Die Projekte der Abteilung Digital Humanities decken ein breites Themenspektrum ab. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der computergestützten Analyse, den Computational Literary Studies (CLS). Aber auch erzähltheoretische Aspekte, Wechselwirkungen von Kultur und Literatur, Public Humanities und Dissemination digitaler Methoden liegen uns am Herzen.  

Auf dieser Seite stellen wir Ihnen einige unserer aktuellen und vergangenen Projekte vor.

Aktuelle Projekte

Im Rahmen unserer hybriden, offenen MA-Kolloquien stellen Masterstudierende der Digital Humanities an der Universität Stuttgart ihre Abschlussprojekte vor. Darüber hinaus ermöglichen Gastvorträge aus der internationalen DH-Community, dass sich die Studierenden bereits im Studium austauschen und vernetzen können. Wir laden herzlich dazu ein, sich digital oder vor Ort dazu zu gesellen und mit zu diskutieren! 

Mitarbeiterinnen: Mareike Schumacher (Universität Stuttgart), Clara Helmig (Universität Regensburg)

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Der Digital-Humanities-Podcast RaDiHum20 – das Radio für Digital Humanities wird von der Abteilung für Digital Humanities der Universität Stuttgart co-produziert. Im Rahmen dieses Community-Podcasts wurden bereits über 100 Persönlichkeiten der Digital Humanities von Studierenden über wissenschaftliche Mitarbeiter*innen und Personen, die die Wissenschaft verlassen haben bis hin zu Professor*innen und Vorstandsmitgliedern des DHd-Verbandes interviewt. So bekommen Sie eine vielfältige Bandbreite von Stimmen der DH zu hören. RaDiHum20 ist seit 2023 außerdem Medienpartner der Jahreskonferenzen der digitalen Geisteswissenschaften im deutschsprachigen Raum (DHd-Konferenzen).

Hosts: Mareike Schumacher (Universität Stuttgart), Lisa Kolodzie (Init, Mainz), Jonathan Geiger (Akademie der Wissenschaften und der Künste Mainz), Jascha Schmitz (HU Berlin), Redaktionsassistenz: Clara Helmig (Universität Regensburg)

zu RaDiHum20

Im Projekt m*w werden Genderdarstellungen in literarischen Texten erforscht. Mit Methoden des Text Minings, insbesondere des maschinellen Lernens und der Netzwerkanalyse gehen wir der Frage nach, inwiefern Figurenprofile unterschiedliche Muster der Genderdarstellung aufzeigen. Uns interessiert dabei besonders, wie typische Genderprofile aussehen und wann diese anfangen zu brechen. Welche ungewöhnlichen Genderdarstellungen gibt es? Außerdem beschäftigt uns die Frage, inwiefern ungewöhnliche Genderdarstellungen sich in zeitgenössischen Texten häufen und welche Darstellungen der Diversität es in zu anderen Zeiten gab. 

Mitarbeiterinnen: Mareike Schumacher (Universität Stuttgart), Marie Flüh (Universität Hamburg)

zum m*w-Projekt

In ihrer Dissertation untersucht Nora Ketschik Figuren und Figurenkonstellationen in einem Korpus mittelhochdeutscher „klassischer“ Artusromane mit computergestützten Methoden. Dabei legt sie einen besonderen Fokus auf die Methode der sozialen Netzwerkanalyse, mit der die Vorkommen und Relationen von Figuren computationell erfasst, quantitativ ausgewertet, graphisch visualisiert und exploriert werden können. Die Untersuchungen konzentrieren sich auf die Artusromane ‚Erec‘ und ‚Iwein‘ Hartmanns von Aue sowie auf Wolframs von Eschenbach ‚Parzival‘. Sie knüpfen an Fragestellungen zur Figurenkonzeption und Handlungsstruktur an und nähern sich dem Themenkomplex aus einer neuen datengeleiteten Perspektive. Ziel der Arbeit ist es, auf Grundlage konkreter Texte die Möglichkeiten und Grenzen der computergestützten Methode für literaturwissenschaftliche Analysezwecke zu ergründen.

Im ersten Teil ihrer Dissertation beschäftigt sich Nora Ketschik intensiv mit den Herausforderungen einer adäquaten Operationalisierung, auf deren Grundlage die Daten für die Netzwerkanalysen erhoben werden können. Hierfür entwickelt sie ein komplexes Vorgehensmodell, das Figurenvorkommen und -relationen aus den Erzähltexten extrahiert und hierbei bestimmten Merkmalen narrativer Texte gerecht wird, indem etwa der Status einer Figur (extra- oder intradiegetisch) sowie der Kontext der Figurennennung (z.B. Erzählerkommentar, Figurenrede) berücksichtigt werden. Ihr Hauptaugenmerk gilt der transparenten Operationalisierung und dem kritischen Umgang mit der Frage, wie die relevanten Konzepte in textliche, computationell erfassbare Indikatoren übersetzt werden können. Hierfür wird u.a. geprüft, welchen Einfluss Entscheidungen innerhalb des Operationalisierungsprozesses auf die extrahierten Daten und die resultierenden Netzwerke haben. Das entwickelte Vorgehensmodell ist modular aufgebaut und integriert manuelle und automatisierte Prozesse, um es auf diese Weise flexibel auf Untersuchungsgegenstände und -fragen anpassen zu können und gleichzeitig eine effiziente teilautomatische Textverarbeitung zu gewährleisten.

Die anschließenden Analysen explorieren das Potential des gewählten Ansatzes und zeigen exemplarisch auf, für welche Art von Fragestellungen die Methode der sozialen Netzwerkanalyse zum Einsatz kommen kann. Adressiert werden Fragen nach Umfang, Zusammensetzung und Komplexität des sozialen Gefüges, nach der Zentralität der Protagonisten in ihrem jeweiligen Netzwerk sowie, damit zusammenhängend, nach der Robustheit der Netzwerke und der Autonomie der Nebenfiguren. Darüber hinaus wird die Handlungsführung in den Artusromanen analysiert, der Einfluss der Figurenrede auf die Figurenkonstellationen eruiert und eine dynamische Visualisierung vorgeschlagen, die die Vorkommen und Kookkurrenzen der Figuren über den Handlungsverlauf hinweg abbildet und auf diese Weise die statischen Netzwerkanalysen sinnvoll ergänzt. Die Untersuchungen stützen sich auf die Netzwerkgraphen, relevante Kennzahlen sowie alternative Visualisierungstechniken (wie der Fingerprint-Ansicht) in Verbindung mit close-reading Verfahren.

Insgesamt nehmen die Analysen verschiedene Aspekte der Figurenkonstellation sowie der Figurenkonzeption in den Blick, die differenzierte Ergebnisse und teilweise gegenläufige Tendenzen in den Artusromanen hervorbringen. Sie verbinden datengeleitete, makroanalytische Zugriffe mit textnahen Auswertungen und führen quantitative mit qualitativen Befunden zusammen. Methodisch werden die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der eingesetzten Verfahren (etwa in Bezug auf semantische Aspekte) reflektiert. Mit Publikation der annotierten Daten schafft die Arbeit eine wichtige Grundlage für computergestützte Textanalysen und gibt Impulse für weitere digitale Studien zur Kategorie der Figur.

Zenodo: https://zenodo.org/doi/10.5281/zenodo.7544004

Mitarbeiterin: Nora Ketschik

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Abgeschlossene Projekte

Mitarbeiter: Gabriel Viehhauser, Claus-Michael Schlesinger, Pascal Hein

Das interdisziplinäre Science Data Center für Literatur (SDC4Lit) hat sich zum Ziel gesetzt, einen Datenlebenszyklus für Digitale Literatur nachhaltig umzusetzen: Archivierung, Erforschung und Vermittlung werden systematisch reflektiert und entsprechende Lösungen umgesetzt. Dabei soll insbesondere der Tatsache Rechnung getragen werden, dass Modellierung, Aufbewahrung und Analyse aufgrund der besonderen Erscheinungsform digitaler Literatur nicht zu trennen und Forschungsfragen von den Fachcommunities her zu denken sind.

In SDC4Lit werden verteilte langzeitverfügbare Repositories für Digitale Literatur aufgebaut und über eine Forschungsplattform zugänglich gemacht. Die Repositories werden regelmäßig erweitert; die Forschungsplattform bietet die Möglichkeit, computergestützt mit den Daten zu arbeiten.

Kooperationspartner:
Deutsches Literaturarchiv Marbach
Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart
Institut für Maschinelle Sprachverarbeitung der Universität Stuttgart

Website:
https://www.sdc4lit.org/

Mitarbeiter: Gabriel Viehhauser, Toni Bernhart

Akustische Äußerungen sind kulturhistorische Phänomene. In allen ihren materialen und kulturellen Formen, Bedeutungen und Funktionen sind sie in den letzten Jahren stark in das literaturwissenschaftliche Forschungsinteresse gerückt. Als mediale und intermediale Ausdrucksformen spielen sie seit geraumer Zeit auch in den Kultur- Theater- und Medienwissenschaften und den Sound Studies eine wichtige Rolle.

Die Leitfragen für »textklang« resultieren aus literaturwissenschaftlichen Diskursen, insbesondere aus der Lyrikforschung, die den besonderen Status von Klanglichkeit und Aufführung lyrischer Texte immer wieder betont hat. Um die Beziehung zwischen literarischen Texten, konkret in Lyrik der Romantik, und die Interdependenz ihrer lautsprachlichen Realisierung bei Rezitation, gesungener Darbietung und musikalischer Aufführung systematisch zu untersuchen, wird ein Mixed-Methods-Workflow für eine theoretisch fundierte, hypothesengeleitete Forschung entworfen, der neue Perspektiven in der Lyrikforschung konturieren soll. Die Wechselbeziehungen zwischen Text(be)deutungen und prosodischen Sprachmerkmalen werden dabei auf der Grundlage von Audio-Aufnahmen zu Sprach- und Musikaufführungen und digitalisierten Notendrucken untersucht. Auf Basis sonischer Parameter können Hypothesen formuliert werden, die im Korpus makroanalytisch exploriert und schließlich in Perzeptionsexperimenten kontrolliert validiert werden können, wenn durch Resynthese einzelne Parameter verändert werden.

Kooperationspartner:
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Institut für Maschinelle Sprachverarbeitung der Universität Stuttgart

 

Website:
https://www.srcts.uni-stuttgart.de/abteilungen/digital_humanities/textklang/

Mitarbeiter: Gabriel Viehhauser, Andreas Pairamidis, Florian Barth

Das Projekt befasst sich mit der digitalen Modellierung von Raumkonstruktionen in Erzähltexten. Die Kategorie des Raums ist in der Narratologie bislang noch wenig beachtet worden, obwohl der Schauplatz einer Erzählung ein ähnlich zentrales Element wie etwa die Figuren oder die Handlung darstellt. Insbesondere im Ansatz der Raumsemantik von Jurij Lotman wird deutlich, dass Räume oft auch eine Eigenbedeutung haben, so ist z.B. der Wald oft die Sphäre der Ungeheuer und Feen und steht im Gegensatz zu Stadt, Burg oder der Zivilisation. Die Grenze zwischen diesen Räumen kann meist nur der Held überschreiten; so wird deutlich, wie in Lotmans Ansatz Figuren, Ereignis und Handlung zusammengehören.

 

Eine digitale Modellierung dieser Raumsemantik stellt einerseits eine methodische Herausforderung dar, da Räume in Erzählungen zu einem großen Maß auch implizit erzeugt werden und schwer für den Computer zu erfassen sind. Andererseits kann gerade die Notwendigkeit der Präzisierung der Modelle, die der Computer mit sich bringt, einen narratologischen Erkenntnisgewinn bringen. Momentan arbeiten wir insbesondere an Netzwerkanalysen zu verschiedenen Texten, vor allem aber zu Ovids Metamorphosen, um das Beziehungsgeflecht von Raum, Figuren und Ereignissen deutlich zu machen und mit Hilfe des Computers explorativ zu visualisieren.

 

 

 

Mitarbeiter: Malte Heckelen

In meinem Dissertationsprojekt interessiert mich, wie Marvel und DC ihre transmedialen Erzählwelten unterschiedlich aufbauen. Hierzu habe ich Daten zu Figurenauftritten und professionellen Kollaborationen aus den Marvel und DC Fandom Wikis mit der Datenbank comics.org zusammengeführt (Daten reichen von 1960 - 2018 für Comics, Filme, Serien u.a.). Der Datensatz erlaubt es mir, die Evolution von Figurennetzwerken (basierend auf gemeinsamen Auftritten) und professionellen Kollaborationsnetzwerken zu beschreiben und zu modellieren.

Mich interessiert insbesondere erzählerisches "Momentum": transmediale Geschichten und serielle Inhalte an sich leben, wachsen und bleiben für RezipientInnen entlang der Narrative attraktiv, die durch die bereits etablierten Erzählwelten impliziert werden: tauchen Superman und Batman etwa zusammen in einem Team auf, ergibt dies Fragen, und damit Möglichkeiten auch Möglichkeiten, zu Geschichten um die Schwierigkeiten der Zusammenarbeit ungleicher Charakterköpfe - oder schlicht um die Frage, wer im JLA Watchtower den Kaffee kocht.

Um herauszufinden, wie Marvel und DC ihre sehr vernetzten und langlebigen Erzählwelten entlang dieses Worldbuilding-Konzeptes ausbauen, schaue ich mir an, wie Figuren sich im Netzwerk zueinander und voneinander wegbewegen - wie sich ihre Erzählwelten zeitweise überlappen und damit potenziell auch neue Zusammenhänge implizieren. 

Welche Figuren haben wann mehr Momentum, wann konzentriert sich das Gesamtuniversum mehr auf sie und wann nicht? Ist das unterschiedlich, je nachdem, welchen Kategorien diese Figuren angehören (z.B. Gender)? Und führt dies zu unerwünschten Inkongruenzen, etwa großen Unterschieden zwischen den Erzählwelten der Filme und Comics? Um diese Fragen zu beantworten nutze ich klassische netzwerkanalytische Metriken, gewichte die Beziehungstypen in meinen Netzwerken aber entsprechend der Veränderungen der Nähe zwischen Figuren.

Da der kreative Prozess in U.S.-Amerikanischen Comics sehr kollaborativ und arbeitsteilig ist, interessiere ich mich auch für die Auswirkungen von sozialen Verbindungen, die durch vorangegangene Kollaborationen entstehen. Wirkt sich soziale Nähe zwischen Kreativen auf die Figurenauswahl aus und lässt sich das Figurennetzwerk als Resultat aus dieser Nähe zeigen? Oder sind klassische Netzwerkdynamiken wie Preferential Attachment und die triadische Schließung eine ausreichende Erklärungsmöglichkeit?

Kontakt

Kerstin Dorner

 

Sekretariat

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Pascal Hein

 

Wissenschaftlicher Mitarbeiter / Studiengangsmanager Digital Humanities

[Foto: Pascal Hein]

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Mareike Schumacher

Prof. Dr.

Vertretungsprofessorin Digital Humanities

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